Die Bibelfälscher

Klaus Bergers Ode an die Bibel

Ich habe gestern Klaus Bergers Buch “die Bibelfälscher” fertig gelesen. Die ersten 80% des Buchs sind eine “Kritik an der Kritik”: Er kritisiert jene Kritiker, welche an der Echtheit der Bibel zweifeln. Er und seine Frau haben die das Neue Testament auf Deutsch übersetzt und dabei hat er sich intensiv mit dem Text auseinandergesetzt. Das letzte Kapitel war eine Überraschung für mich: Klaus Berger beschreibt, was ihn an der Bibel fasziniert. Er wird plötzlich sehr persönlich, einige Abschnitte sind sogar als Gebet formuliert. Einige Zitate:

Martin Luther wusste, was es heißt, zu beten. Immer wieder hat er die Psalmen gebetet. […] Wenn ich nachts aufwache, tue ich dasselbe. Ich nehme mir meinen Psalter und bete.

Und weiter schreibt er darüber, dass die Bibel oft so schwer zugänglich ist:

Wenn unser Religionslehrer auf dem Gymnasium zornig wurde, schlug er mit seiner Bibel auf das Pult, und zu unserer großen Freude gab das alte Buch unbegrenzt und immer wieder neu Wolken von Staub von sich. Das bestätigte unser Urteil: Wie verstaubt ist die Bibel wirklich! […] Mit der Bibel ist es wie mit der Wüstenstadt Petra: zunächst nur Staub, Hitze und Sand, die nach Mühsal riechen. Und dann steht man plötzlich in einer Schlucht, an deren Ausgang leuchtend in rosa Sandstein ein völlig erhaltener antiker Tempel aufstrahlt.

Berger tritt sehr stark dafür ein, an die Bibel ohne Ideologien heranzutreten, da man sonst unweigerlich Teile der Bibel auslässt oder sie so verbiegt, bis sie seinem Weltbild entsprechen:

In der Bibel steht beides: »Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich. Wer nicht sammelt, der verstreut. Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« Und auch das andere: »Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.« In der Bibel steht beides: »Gott ist die Liebe«, und: »Wer seine Familie und sich selbst nicht hasst, der kann nicht mein Jünger sein.« Es wird auch beides berichtet, dass Jesus sich nicht wehrt und dass er die Händler aus dem Tempel mit Gewalt vertreibt. Es gehört Weisheit dazu, diese Gegensätze zu ertragen. […]

Und wenn man fragt, wer ist Gott, dann muss man so lange auf sein Wort hören oder vor ihm knien, bis er selbst zu sprechen beginnt.

Wieso die Kindheitsberichte von Jesus keine Legenden sind - oder wieso einige Kritiker Plagiatsnachweisführern ähneln

Ein beliebter Angriffspunkt der Bibel ist die Kindheitsgeschichte von Jesus: Eine Volkszählung hätte es nie gegeben, der Kindermord von Herodes wäre sonst nirgends dokumentiert, die Flucht nach Ägypten und die Sterndeuter aus dem Osten seien auch erfunden. Das Argument der Kritiker: die Geschichten seien nachträglich eingefügt worden, damit Jesu’ Leben alle Prophezeiungen im Alten Testament erfülle.

Klaus Berger geht in seinem Buch “die Bibelfälscher” auf alle Argumente ein und argumentiert gekonnt, wieso es nicht abwegig ist, dass sich alles so zugetragen hat.

Die Kindheitsberichte als Legenden zu bezeichnen findet er historisch nicht nachvollziehbar:

Die Kindheitsberichte in Mt und Lk als Legenden zu bezeichnen ist ein Anachronismus, denn Legenden sind erbauliche Tischlesungen in mittelalterlichen Klöstern. Die Zeit Jesu kennt derartige Lesungen nicht, sondern stellt vor die Alternative, etwas entweder für eine Lügengeschichte oder für einen mehr oder weniger gut bezeugten Erfahrungsbericht zu halten.

Weiter kontert er geschickt gegen die Argumente, dass die Evangelien in sich selbst widersprüchlich sind:

Wenn aber der Leser des [Matthäus-]Evangeliums mit der Auskunft »bedient« wird, der Evangelist habe sich auf kürzestem Raum in heillose Widersprüche verstrickt, dann war der Evangelist entweder dumm oder betrügerisch, oder er hatte recht. […] Anders als Juristen lässt man nicht die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Betrugs gelten, sondern man lauert auf die Indizien, um zuzuschlagen. Selbst das geringste Indiz genügt vollauf. Dann ist der Evangelist bereits »erledigt«. Das Verfahren der Forschung erinnert an einen gerade in der Entstehung begriffenen Beruf, der »Plagiatsnachweisführer für Politikerdissertationen«. Das ist kein Sport, wie oft gesagt wird, sondern ein (auch, wie man hört, bezahlter) Job, der deshalb so erfolgreich ist, weil der geringste Verdacht in der Regel genügt, um eine Person zum »Kippen« zu bringen.

Die Sackgasse der historisch-kritischen Methode

Klaus Berger geht in seinem Buch “die Bibelfälscher” auf die historisch-kritische Jesusforschung ein. Diese Forschung hat sich zum Ziel gesetzt, nun mal wirklich herauszufinden, was denn an Jesus wahr ist und was nicht. Doch statt dass dabei etwas Erbauendes herausgekommen ist, ist nur alles in sich zusammengefallen. Am besten beschreibt dies James Pike, als er über sein Theologie-Studium sagte:

Ich erwartete und verlangte nach Brot; aber als ich meinen Abschluss machte, blieb ich mit nichts weiter als einer Handvoll Kieselsteine zurück (aus “Die große Anpassung” von Francis Schaeffer)

Klaus Bergers Buch befasst sich hauptsächlich mit den Behauptungen der vier Phasen der Jesusforschung. Er geht auf Argumente von Albert Schweitzer, Rudolf Bultmann, John Crossan etc. ein und widerlegt sie gekonnt.

Der wehrlose Text

Klaus Berger greift in seinem Buch “die Bibelfälscher” die Auswüchse der Aufklärung scharf an.

Ich hatte vor zwei Monaten ein Gespräch mit einem liberalen Christen, und dabei kamen wir auf das Thema Homosexualität zu sprechen. Ich war überrascht, in welcher Intensität er für die Homosexualität in der Kirche sprach. Ich fragte ihn, was er denn mit Stellen wir Römer 1,27 mache, und der meinte dann, dass sowieso vieles der Bibel nicht stimme.

Ich war irgendwie überrascht. Aber irgendwie doch nicht: Denn wie sonst soll man Modethemen wie Homosexualität mit dem Glauben vereinbaren, als wenn man behauptet, »es stimme ja sowieso alles nicht«.

Ich verstehe ja, dass es herausfordernd ist, entgegen der Auffassung der Mehrheit eine andere Meinung zu haben. Die Versuchung ist groß sich der Mehrheitsmeinung zu unterwerfen und dafür zu behaupten, die Bibel stimme nicht. Klaus Berger meint dazu:

Meine grundsätzliche Anfrage richtet sich vielmehr darauf, ob es stets nur die Texte sind, mit denen etwas nicht in Ordnung ist, wenn Menschen unserer Zeit Schwierigkeiten mit ihnen haben. Es könnte sich ja auch ebenso um Defizite in unserer Wahrnehmung handeln. Dann wäre diese lückenhaft und möglicherweise zu kritisieren, und nicht zuallererst der wehrlose Text.

Man glaubt weithin, gegen diese kritische Anfrage immun zu sein, da man seit den Zeiten der Philosophie Hegel einem unausgesetzten Fortschrittsglauben huldigt. Auch durch die Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkriegs wurde dieser Glaube nicht berührt. Die Wissenschaftler meinen, unbezweifelbar sei in jedem Falle der Fortschritt der Vernunft, hinter den man nicht zurückfallen dürfe.

Ich will euer Herz zur Freiheit aufrichten wider alle Sklaven der Vernunft

Klaus Berger greift in seinem Buch “die Bibelfälscher” die Auswüchse der Aufklärung scharf an. Drei Zitate:

Die historisch-kritische Exegese, die in diesem Buch heftig kritisiert wird, gilt gemeinhin als Kind der Aufklärung. […]

Berger erklärt treffend das Problem der Aufklärung: Es ist die Verehrung der Vernunft ohne jede Grenzen:

Eine kluge Vernunft müsste nämlich ihre Grenzen wahmehmen können, die jedenfalls dann überschritten werden, wenn der einzelne Vernunftbegabte vergisst, dass er auch nur Geschöpf ist.

Er zitiert dazu Gertrud von der Fort, ein Satz den ich etwa dreimal lesen musste denn er widerspricht dem Kern der heutigen Weltanschauung:

»Ich will euer Herz zur Freiheit aufrichten wider alle Sklaven der Vernunft.«

Klaus Berger: »Wie man es dreht und wendet, in irgendeinem Sinn bleibt der Bibelgelehrte immer Historiker«

Klaus Berger - die Bibelfälscher. Eine Kritik an der liberalen Bibelauslegung

Klaus Berger - die Bibelfälscher. Eine Kritik an der liberalen Bibelauslegung

Klaus Berger hat mit “die Bibelfälscher” eine Verteidigung gegen eine liberale (“kritische”) Interpretation der Bibel geschrieben. Er schreibt:

War die Antwort meiner Klassenkameraden auf das Christentum noch: »Ich kann es nicht glauben« (bis 1960), so lautet die Antwort heute: »Es stimmt ja sowieso alles nicht«

Systematisch widerlegt er die Einwände der liberalen Theologen, die Bibel stimme ja doch nicht (ich habe bei der Review zur Zürcher-Bibel schon etwas zur historisch-kritischen Methode geschrieben).

Sein Titel ist etwas irreführend. Er klingt als behaupte er, dass die Bibel in der heutigen Form gefälscht sei (was seine Gegner behaupten). Er bezeichnet aber die liberalen Theologen als “Bibelfälscher”: Er wirft ihnen vor, dass sie der Bibel Falschheit vorwerfen und so etwas was richtig ist zum Falschen verdrehen.

In den folgenden Tagen werde ich einige markante Zitate aus dem Buch hier auf dem Blog veröffentlichen. Heute ein Zitat von Berger, wo er gekonnt argumentiert, dass falls die Bibel historisch nicht stimmen würde, dass der Glaube in sich selbst zusammenfällt: