Teil 7 von “Lesenswichtig”, meiner Liste von christlichen Artikeln, die mich diese Woche bewegt haben.

Geschichten aus dem Leben sind immer spannend. Und es gibt viel zu wenig davon. Darum besteht das Lesenswichtig von heute nur aus Lebensgeschichten.

Ruth Metzger

Ruth ist eine treue Ermutigerin. Als ich meinen Blog vor fünf Jahren begann, kamen wir in Kontakt. Als ich einen zweiten Anlauf machte vor gut zwei Jahren hat sie mich ermutigt und jetzt beim dritten Anlauf hat sie mich wieder ermutigt und mit spannenden Fragen herausgefordert.

Diese Woche habe ich ihre Bekehrungsgeschichte gelesen. Ein paar Auszüge daraus:

Als ich 12 war, hat ein Gast des Hauses uns Kindern mal furchtbare Angst vor der Hölle gemacht. Da beschloss ich, diese Bekehrungsgeschichte ein für alle Mal hinter mich zu bringen. Ich bekannte Gott ein paar Sünden, die mir so einfielen und heulte ein bisschen, wie ich es in vielen frommen Blättchen immer wieder gelesen hatte, und dachte dann: So, jetzt kann Gott zufrieden sein und wird mich in den Himmel holen, falls ich sterbe. Und meine Eltern können auch ganz beruhigt sein.

Ganz nebenbei war ich auch noch ein junges Mädchen, das sich nach Liebe sehnte. Natürlich interessierte sich kein Junge für mich ausser vielleicht für Diskussionen über irgendwelche Themen, denn ich war schon ein komischer Vogel, durfte auf keine Party und schon gar keinen Freund haben und war auch unfreiwilligerweise nach den Normen gekleidet, die in meiner konservativen Gemeinde üblich waren.

Inzwischen war ich 16 und beschloss, meinen Eltern und Gott offen den Krieg zu erklären. Ich dachte: Wenn ich die Wahrheit herausfinden will, muss ich aufhören mitzuspielen. Also sagte ich meinen Eltern: Ich glaube nicht mehr an Gott. Ich gehe nicht mehr mit in die Gemeinde. Und ich werde an euren Familienandachten nicht mehr teilnehmen. Was so endete, dass ich sonntags alleine zu Hause sass, und dass ich bei den Hausandachten, wenn alle knieten, sitzen blieb, und wenn alle sangen, schwieg ich.

Zum Beitrag: Meine Geschichte

Martin Till und der Liberalismus

Über Rachel Held Evans wurde schon viel geschrieben. Vieles davon ist aber arg theoretisch. Bei vielen Beiträgen fehlt mir der persönliche Bezug, die Lebensgeschichten, das “sich verletzlich machen”.

In diesem Beitrag setzt sich Pfarrer Martin Till mit Evans Buch “Inspired” auseinander. Dabei webt er seine eigene Geschichte als Pastor ein, ist kritisch und trotzdem fair. Eine gelungene Rezension. Ein paar Auszüge:

Die Beobachtung, dass das Narrativ (Erzählen von Geschichten) die wohl am häufigsten in der Bibel verwendete Literaturgattung ist, wird zur Grundlage [Rachel Held Evans] hermeneutischen Ansatzes.
In Inspired schlägt Held Evans deshalb einen Mittelweg vor, der sowohl „strikten Literalismus“ als auch „selbstsicheren, desinteressierten Liberalismus“ vermeidet (xxii). Ihr Hauptanliegen dabei ist, dass die inspirierte Schrift immer zur aktiven Tat, zum Einsatz für verfolgte und unterdrückte Minderheiten führt.
Von meiner eigenen Biografie her kann ich Rachel Held Evans Anliegen gut verstehen. Zwar verlief die Entwicklung in meinem Leben genau gegensätzlich zu der ihrigen, aber die Parallelen sind doch auffallend. Aus liberalem landeskirchlichem Hintergrund kommend wurden mir im Religionsunterricht und in der Gemeinde als junger Mann faszinierende und aufrüttelnde sozialpolitische Ziele und Aktionen vor Augen geführt. Alle Bibelauslegung gipfelte damals für mich in der Bergpredigt und entsprechend wurde ich aktiv in der Altenarbeit und im Einsatz für Gefangene. Mein Problem war allerdings, dass unter der Decke all dieser Aktivitäten meine persönlichen Fragen und Probleme weitgehend ungelöst blieben und mir auch eine ausgedünnte und überalterte Ortsgemeinde dabei nicht wirklich weiterhelfen konnte.
Das wurde erst anders als ich durch eine Sommerfreizeit zum ersten Mal mit begeisterten jungen evangelikalen Christen in Kontakt kam, die mir nicht nur Freundschaft, Liebe und Respekt entgegenbrachten, sondern die mir Nachfolge Jesu authentisch vorlebten und mir die Bibel als feste Orientierung und geistliche Kraftquelle attraktiv machen konnten.

Zum Beitrag: Rachel Held Evans: Ein neuer Zugang zur Inspiration der Bibel?

John Stott

Evangelium21 übersetzt regelmässig Artikel von evangelikalen Webseiten wie “The Gospel Coalition” oder “Desiring God” auf Deutsch. Diese Woche übersetzten sie einen Artikel über John Stott, ein englischer Theologe von dem ich (shame on me?) noch nie etwas gehört hatte. Der Artikel beschreibt die private Seite des Theologen, sein Studium in der Bibel wie in zeitgenössischer Literatur.

Das alltägliche Muster unseres gemeinsamen Lebens: Jeden Morgen um Punkt elf Uhr brachte ich ihm eine Tasse Kaffee. Ich fand ihn an seinem Schreibtisch über einen Brief oder ein Manuskript gebeugt, in die Arbeit vertieft, die vor ihm lag. Er war mit seiner unvergleichlichen Konzentrationsfähigkeit auf die anstehende Aufgabe fokussiert. Um ihn nicht zu stören, stellte ich Tasse und Untertasse leise neben seiner rechten Hand ab. Oft murmelte er dann ein kaum hörbares Wort des Dankes: „Ich bin es nicht wert.“
Es war Stotts lebenslange, tägliche Praxis, früh aufzustehen, um eine beträchtliche Zeit im Gebet zu verbringen und dann vom Frühstück bis zum Mittag an seinem Schreibtisch zu arbeiten. Diese Studienzeit war unantastbar. Frances beschrieb mir einmal, wie beschämt sie sich gefühlt habe, als sie es bei einer Gelegenheit für nötig empfunden hatte, ihn zu unterbrechen, nachdem jemand mit einer dringenden Frage angerufen hatte (sie konnte sich nicht erinnern, was es war). Als sie die Tür öffnete, brütete Stott gerade über einem Buch, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf in den Händen. Ohne seine Position zu verändern drehte er den Kopf und murmelte etwas wie „Sie haben keine Ahnung, wie schwierig es ist, wenn mein Gedankengang unterbrochen wird“. Es blieb das einzige und letzte Mal, dass sie Stott in seiner Studienzeit unterbrach.

Zum Artikel: Der private Stott

Der Artikel erwähnt eine Rede Denkmalsrede von Tim Keller, welche ich mir auch angehört habe. Guter Hintergrund für Leute, die wich ich nicht viel von John Stott gehört haben:

Tim Keller speaks at John Stott’s US Memorial.

Beitrag von meiner Frau

Heute schreibe ich mit einem Augenzwinkern über das harte Los von uns Hausfrauen und Müttern, jedoch nicht ohne auf die Ehre hinzuweisen, die Gott uns in unserer Aufgabe gibt. Denn jeder bekommt Ehre in der Aufgabe, die Gott ihm zugewiesen hat.

Seien wir doch ehrlich: Sobald eine Familie entsteht, fällt die Aufgabe an, sich um den Haushalt zu kümmern und den Kindern zu schauen. Irgend jemand muss diese Aufgabe übernehmen.

In unserer modernen Gesellschaft scheint zu Hause zu bleiben und den Kindern und dem Haushalt zu schauen ähnlich beliebt zu sein wie bei der Müllabfuhr zu arbeiten. Vielleicht sogar weniger beliebt, denn die Müllmänner bekommen wenigstens einen Lohn. Ist ja auch verständlich. Wer will schon ohne Lohn arbeiten? Dazu keine geregelten Arbeitszeiten haben? Überstunden nicht vergütet bekommen? Und dann nicht mal das wohlverdiente Lob erhalten!

Wenn endlich jemand sagen würde, wie wertvoll meine Arbeit ist! Aber leider sagt das niemand. Deshalb greife ich in schlechten Zeiten auch mal zur Selbsthilfe und male der Familie vor Augen, wie es bei uns zu Hause innert kürzester Zeit aussehen würde, wenn nicht ICH jeden Tag für Ordnung sorgen würde! Wenn nicht ICH die Wäsche waschen, aufhängen, abnehmen, zusammenlegen und versorgen würde! Wenn nicht ICH das WC putzen würde! Wenn nicht ICH etwas Gesundes und (gebt es zu: meistens) Feines kochen würde! Wenn nicht ICH… Aber das hat nicht die erhoffte Wirkung, denn Selbstlob fühlt sich nicht gleich gut an, wie Lob von jemand anderem.

Anerkennung zu erzwingen funktioniert leider nicht. Und wenn ich ehrlich bin, danke ich auch niemandem für die alltäglichen Dinge, die er tut. Ich danke meistens nicht mal meinem Mann, dass er jeden Tag arbeitet, um unseren Unterhalt zu verdienen. Aber er hat Dank ja auch gar nicht nötig, denn: Er liebt seine Arbeit! Und er bekommt Geld dafür. Wenn ich daran denke, was für einen Stundenlohn die ihm zahlen! Die müssen seine Arbeit offensichtlich sehr wertschätzen. Und wenn ich ausrechne, wie viel ich verdienen würde, wenn ich den gleichen Stundenlohn hätte wie er…

Wenn wir schon bei den Arbeitsstunden sind: Ich könnte auch ausrechnen, wie viele Stunden ich pro Tag arbeite. Uii, da kann man sich richtig hineinsteigern. Wann stehe ich morgens auf? Früh! Und die Kinder auch. Das sind aber schon viele Stunden bis zum Mittag! Und das Mittagessen kann ich nicht als Pause zählen, denn am Familientisch geht es nie ruhig zu und her… Gut, nach dem Abwaschen mache ich eine Stunde Pause. Manchmal auch länger, aber lassen wir das. Dann nochmals einige Stunden bis zum Nachtessen. Danach abwaschen, Bettprogramm der Kinder - wir sind natürlich schon längst über der normalen Stundenzahl eines bezahlten Arbeitstages! Und was ist mit der Nacht? Da bin ich auf Abruf!! Unerhört, was uns Müttern alles zugemutet wird! Und das alles ohne Lohn und ohne Lob.

Da ist es doch verständlich, dass viele von uns sagen: Das lasse ich mir nicht gefallen! Ich will auch ausser Haus arbeiten. Geld verdienen. Unabhängig sein. Anerkennung bekommen.

Aber was wir dabei vergessen ist, dass uns Gott zu dieser Arbeit berufen hat. Wie vorher schon erwähnt: Irgendjemand muss diese undankbare Aufgabe übernehmen. Wenn nicht ich es tue, muss jemand anders her. Eine Putzfrau für den Haushalt und eine Krippe oder ein Hort für die Kinder.

Natürlich übertreibe ich. Die Aufgabe ist ja nicht nur undankbar. Sie ist auch schön. Ich z.B. mache gerne den Haushalt. Ich koche gerne, backe gerne, plane gerne die Menüs, arbeite gerne im Garten - ja, ich putze sogar einigermassen gerne. Auch mit den Kindern gibt es unzählige schöne und lustige Momente, die ich ohne sie nie erlebt hätte. Das ist ja klar. Aber eben - das Geld und die Anerkennung fehlen trotzdem!

Was, wenn gerade darin, dass wir als Mütter annehmen, dass Gott uns zu dieser Aufgabe berufen hat, ein grosser Segen liegt? Ein Segen, der besser ist als Geld oder Lob von Menschen?

Es gibt doch diese schwierig zu verstehende Stelle im 1. Timotheus, wo etwas wie “Sie wird durch das Kindergebären gerettet werden” steht. Ich habe immer schnell weiter gelesen, denn das kann ja offensichtlich nicht sein. Nun habe ich aber in der NGÜ eine Übersetzung gefunden, die dem Text eine plausible Bedeutung gibt:

Doch auch sie [die Frau] wird gerettet werden, auch und gerade dann, wenn sie ihre Aufgabe als Mutter erfüllt - vorausgesetzt, sie hält am Glauben und an der Liebe fest und führt ein geheiligtes und verantwortungsbewusstes Leben. (1. Tim. 2,15)

Ich finde, es macht sehr viel Sinn, diese Stelle so zu verstehen, dass wir Frauen - nicht gerettet im Sinn von gerechtfertigt, sondern - geheiligt werden (oder, wie Luther es übersetzt: Selig werden), indem wir die uns speziell zugeordnete Aufgabe der Mutter (und der Haushaltsführung) annehmen.

Zugegeben, diese Aufgabe anzunehmen und darin zu wandeln - über Jahre! - ist nicht leicht. Aber wer hat uns versprochen, dass das Leben leicht ist? Jesus hatte kein leichtes Leben. Paulus auch nicht. Und wir haben auch kein Recht auf ein einfaches, schmerzfreies Leben. Wir haben unsere Rechte aufgegeben, als wir Christen wurden. Das einzige Recht, das wir besitzen, ist meines Wissens das Recht, Gottes Kinder zu sein.

Ich habe gerade ein Buch fertig gelesen von einer Missionarin in Afrika (Lily Gaynor: God’s Needle). Sie blieb zwar ihr Leben lang ledig und hatte nie Kinder, aber auch sie musste sich in Aufgaben schicken, die Gott ihr zugeordnet hatte. Und sie hatte damit zu kämpfen und fragte Gott immer wieder: Aber Gott! Habe ich denn keine Rechte? Und er antwortete: Nein, du hast keine Rechte. Hast du sie nicht aufgegeben?

Eine Stelle, die mich besonders getroffen hat, ist, als sie mit 53 Jahren auf Heimaturlaub ging, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern. Ihre Mutter behandelte sie wie ein Kind und befahl ihr, jeden Abend um 10:00 zu Hause zu sein. Sie fühlte sich bevormundet und schlich sich jeweils aus dem Haus, wenn ihre Mutter schlief. Aber die Mutter merkte es und machte ihr bittere Vorwürfe über ihre Selbstsucht. Am nächsten Morgen, als sie die Wäsche aufhängte, war sie wütend und nachtragend. Da sprach Gott plötzlich zu ihr. Nicht mit hörbaren Worten, aber ebenso real: “Dies ist dein Altar. Steige jetzt darauf.”

Ich glaube, mit unserer Aufgabe als Mutter und Hausfrau ist es ebenso. Wir “beugen uns unter die starke Hand Gottes” (1. Petrus 5,6) und nehmen das an, was uns verordnet ist. Ohne auf unser Recht auf Anerkennung! Lob! Geld! Jemand sein! zu pochen. Und wie heisst es in der Stelle weiter?

Beugt euch also unter die starke Hand Gottes, dann wird er euch erhöhen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. “ (1. Petrus 5,6)

Indem wir die uns zugeordnete Aufgabe annehmen und treu ausführen, bereitet Gott uns vor für weitere Aufgaben. Unsere Kinder werden nicht ewig zu Hause bleiben. Aber wir werden dann geübt sein in Geduld, in Liebe, in Standhaftigkeit, im Ertragen schwieriger Umstände. Und hoffentlich im Vertrauen auf Gott, dass Er sich um unsere Bedürfnisse kümmert, wenn wir Ihm unser ganzes Leben zur Verfügung stellen. Wir werden zugerüstet sein, um Ihm in einer neuen Aufgabe zu dienen. Wie wunderbar!

Beugen wir uns also unter die starke Hand Gottes und nehmen wir die Schule geduldig an, in die Gott uns gestellt hat. Ich weiss, es ist keine einfache und keine kurze Schule. Und manchmal sind wir den Anforderungen nicht gewachsen. Wir können nicht mehr. Wir wollen am liebsten alles hinwerfen und ein neues, einfacheres Leben anfangen. Uns unsere Anerkennung selber holen.

Aber wer kann sagen, welche Schätze Gott für uns bereithält, wenn wir treu die Stellung halten und uns von ihm formen lassen?

Und durch die Standhaftigkeit soll das Gute, das in eurem Leben begonnen hat, zur Vollendung kommen. Dann werdet ihr vollkommen und makellos sein, und es wird euch an nichts mehr fehlen. (Jak 1,4)

Martin Luther, aus den Vorlesungen über 1. Mose:

Wenn wir deutlich aufzeigen wollen, was unser Gebet ist, so stellt sich heraus, dass es in Wahrheit nichts weiter als das Stammeln eines Kindes ist, das am Tisch steht und nicht weiß, ob es um Brot oder um Fleisch bittet. Denn wir wissen nicht, wie wir beten sollen. Die Dinge und Güter, um die wir bitten, sind größer als unsere Vernunft und unser Verstand, und der sie gibt, ist noch viel größer; und daher sind auch seine Güter und Gaben größer, als dass wir sie mit unseren Herzen erfassen könnten.

All das sage ich, damit ich euch und mich dadurch erwecke, nicht zu verzweifeln, weil wir Gottes Majestät gegenüber so unwürdig sind. Wie ich schon sagte, können wir die Dinge, um die wir bitten, wegen ihrer Größe mit unserem Verstand nicht begreifen. Abraham hat wahrlich mehr empfangen, als er erbeten hatte. Das sollte uns zum Vorbild dienen, damit wir nicht vom Gebet ablassen oder meinen, es sei ohne Nutzen oder Frucht. Denn Gott sieht das Innerste unseres Herzens und versteht das unaussprechliche Seufzen, das in uns ist. Wir sind wie Kinder, die am Tisch stehen und stammeln und sich noch nicht auszudrücken verstehen.


Zitat entnommen aus: “Aus der Tiefe rufe ich HERR, zu dir”, erschienen im CLV-Verlag.

Über Vielschreiber

Aus Stephen King: On Writing

Es gibt Autoren wie Anthony Trollope. Er schrieb riesige Romane, und er brachte sie mit erstaunlicher Regelmäßigkeit heraus. Tagsüber arbeitete er als Angestellter bei der britischen Post (die roten öffentlichen Briefkästen in ganz Großbritannien waren Anthony Trollope’s Erfindung); er schrieb jeden Morgen zweieinhalb Stunden, bevor er zur Arbeit ging. Dieser Zeitplan hielt er eisern ein. Wenn er nach den zweieinhalb Stunden mitten im Satz war, ließ er diesen Satz bis zum nächsten Morgen unvollendet. Und wenn er zufällig eines seiner sechshundertseitigen Schwergewichte beendete und noch fünfzehn Minuten zur Verfügung hatte, schrieb er “Das Ende”, legte das Manuskript beiseite und begann mit der Arbeit am nächsten Buch.

Über Schreibblockaden

Aus Seth Godin: This is Marketing

Gewohnheiten eignet man sich an, indem man etwas jeden Tag tut. Erst dann bekommt man Lust, es zu tun. […]
Ich bin berüchtigt dafür, dass ich sage, dass es so etwas wie eine Schreibblockade gar nicht gibt. Es gibt jede Menge Beweise dafür, dass das Wort um 1900 erfunden wurde. Davor gab es nicht einmal einen Begriff dafür. Das Wort entstand, weil Percy Shelley einen kurzen Aufsatz schrieb, in dem er sagte: “Wie kann es jemand wagen zu denken, er könne ein Dichter sein? Der einzige Weg, wie man ein Dichter werden kann, ist, von der Muse berührt zu werden.” […]
Und das wurde von Leuten aufgegriffen, die sich wohl fühlten, eine Schreibblockade zu haben, aber dann wurde es zu einem Begriff, weil man durch das Schreiben plötzlich Ernest Hemingway sein konnte, und man starrt in den Sonnenschein und blinzelt, man geht weg und denkt: “Ich bin einfach nicht in der Stimmung, ich habe nichts zu sagen.”
Aber: Wenn ich mit Leuten rede, die behaupten, sie hätten nichts zu sagen, sie hätten eine Schreibblockade, dann sage ich: Zeig mir deine schlechten Texte. Zeig mir das, was du geschrieben hast, das nicht gut ist. Sie haben nichts!

Besser regelmässig mittelmässig als selten perfekt

Dieses Zitat ist über die Fotografie, lässt sich aber eins zu eins aufs Schreiben übertragen.

Aus “James Clear, Atomic Habits

Am ersten Unterrichtstag teilte Jerry Uelsmann, Professor an der Universität von Florida, seine Studenten der Filmfotografie in zwei Gruppen ein.
Alle auf der linken Seite des Klassenzimmers, so erklärte er, wären in der “Quantitäts”-Gruppe. Sie würden ausschließlich nach der Menge der produzierten Arbeit benotet. Am letzten Tag des Kurses zählte allein die Anzahl der eingereichten Fotos: Hundert Fotos würden mit A bewertet, neunzig Fotos mit B, achtzig Fotos mit C und so weiter.
Alle auf der rechten Seite des Raums gehörten zur “Qualitäts”-Gruppe. Sie würden nur nach der Qualität ihrer Arbeit bewertet werden. Sie mussten nur ein einziges Foto während des Semesters produzieren, aber um eine A zu bekommen, musste es ein nahezu perfektes Bild sein.
Am Ende des Semesters stellte er zu seiner Überraschung fest, dass die besten Fotos alle von der “Quantitäts”-Gruppe produziert wurden. Während des Semesters waren diese Studenten damit beschäftigt, Fotos zu machen, mit Komposition und Beleuchtung zu experimentieren, verschiedene Methoden in der Dunkelkammer auszuprobieren und aus ihren Fehlern zu lernen. Indem sie Hunderte von Fotos machten, verfeinerten sie ihre Fähigkeiten. Währenddessen saß die Qualitätsgruppe herum und spekulierte über Perfektion. Am Ende hatten sie außer unbewiesenen Theorien und einem mittelmäßigen Foto wenig vorzuweisen.

Bild: Franz von Defregger - Grace Before Meal

Martin Luther ist bekannt für die 95 Thesen, für seinen Kampf mit der katholischen Kirche, für seine Bibel-Übersetzung.

Weniger bekannt ist er für sein Gebet. Er hat sein Leben lang gerungen, ein Mann des Gebets zu werden und dazu auch einige Schriften veröffentlicht. Ich kann dazu das Buch “Aus der Tiefe rufe ich Herr, zu dir“ sehr empfehlen. Es ist ein Andachtsbuch, es enthält 365 Anregungen für das Gebet.

Aus der Einleitung:

Im Jahr 1522 erschien in Wittenberg das Betbüchlein, an dem Luther selbst schon eine geraume Zeit gearbeitet haben musste. Schon in den Jahren zuvor hatte er nämlich eine Menge übers Beten und Nachsinnen veröffentlicht: vor allem die kurze Erklärung zum Vaterunser, zu den Zehn Geboten und dem Glauben […] Damit wollte Luther endlich gegen die damals üblichen Gebetbücher vorgehen. Der Einfluss jener mittelalterlichen Gebetbücher war offensichtlich sehr groß. […] Luther wollte damit nicht erreichen, dass diese Gebete zu festgelegten Zeiten als gottesdienstliche Pflicht gedankenlos heruntergelesen oder nachgebetet wurden. Vielmehr wollte er dem »evangelischen Volk« Anregungen und Vorbilder für eigene Andachten geben und die Leute lehren, wie sie auf eigenständige Weise beten und mit ihren eigenen Worten freiheraus mit Gott reden könnten.

Die Andachten in “Aus der Tiefe” wurden nicht nur aus Luthers Gebetsbuch, sondern auch aus anderen Publikationen Luthers zusammengestellt.

Hier eine Kostprobe, aus einer Vorlesung über 1. Mose zum Text: “Ach siehe, ich habe mich unterwunden zu reden mit dem HERRN, wiewohl ich Erde und Asche bin.” (1. Mose 18,27)

Was mir gefällt ist, wie Luther ringt im Gebet, weil das Gebet schwer ist. Das erlebe ich auch, und gerade deshalb ist mir jede Ermutigung teuer.

Beten ist eine sehr schwierige Sache und eine schwere Arbeit und viel anstrengender als die Predigt des Wortes oder andere Aufgaben in der Gemeinde […] Beten ist das allerschwerste Werk, und darum ist es auch so selten. Es ist tatsächlich eine große Sache, wenn ein Mensch seine Augen und Hände zu Gott, der höchsten Majestät, aufzuheben wagt, um bei ihm zu bitten und zu suchen und anzuklopfen.

Es ist wohl auch eine große Sache, wenn Gott mit uns redet, aber mit ihm zu sprechen, ist schwerer, weil uns unsere Schwachheit und Unwürdigkeit aufhält und zurückzieht, sodass wir denken: ›Wer bin ich, dass ich meine Augen und Hände zu der göttlichen Majestät aufheben darf, vor der die Engel stehen und vor deren Wink die ganze Welt erzittert? Darf ich armer Mensch dann vor ihn treten und sagen, dass ich dies haben will, und ihn bitten, es mir zu geben?‹


“Aus der Tiefe rufe ich HERR, zu dir” ist erschienen im CLV-Verlag.
Es gibt auch eine PDF-Version gratis zum Download.
Ich habe mir die PDF-Version für private Zwecke zu einem Ebook umformatiert und hatte es ein Jahr lang benutzt als Anregung vor meinem Gebet.

Weiterführende Lektüre:

Seit zwei Monaten bloggen meine Frau und ich über christlichen Minimalismus. Für solche, die erst später dazu gestossen sind, hier eine Übersicht über alle Beiträge:

Einleitung

Das Thema Besitz und einfacher Lebensstil ist ein grosses Thema im Neuen Testament. Hier einige Versuche, die Wichtigkeit für uns Westler aus der Bibel herzuleiten.

Wieso ist Wohlstand kein grösseres Thema?

Jesus: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Reiche in den Himmel kommen. Ich: Meinst du damit mich!?

Über den Zustand unseres Christentums im Westen

Woher kommt es, dass das Christentum in anderen Kontinenten floriert und bei uns nicht? Könnte das mit dem Wohlstand zusammenhängen?

Der ‘Hänge-ich-am-Reichtum?’-Check

Gibt es einen “bin ich auf den Reichtum-Betrug-hereingefallen”-Check? Kann ich herausfinden, ob ich ahnungslos dem Reichtum anhänge?

Christlicher Minimalismus(1): Die positive Definition mithilfe von drei Bildern

Der Begriff Minimalismus kommt in der Bibel natürlich nicht vor. Aber doch gibt es ein Entwurf eines minimalistischen Lebensstils.

Christlicher Minimalismus(2): was er nicht ist: ein Wettbewerb, wer weniger hat

Als ich Minimalismus sagte, war die Antwort:
»Dann habt ihr demfall nicht mehr als 100 Gegenstände zu Hause!?« Ein Beitrag, wie ich Minimalismus nicht verstehe.

Christlicher Minimalismus(3): was er nicht ist: Selbst-Kasteiung

Wenn Minimalismus heisst, dass wir aus dem Konsum-Hamsterrad aussteigen, woher soll die Freude kommen?

Gastbeiträge meiner Frau

Meine Frau Irene schreibt, wieso wir Minimalisten wurden, wohin das überschüssige Geld geht und was das Ganze mit Mission zu tun hat.

Wie alles begann

Wie können wir in der reichen Schweiz leben, ohne dass unser Glaube verkümmert? Ist die einzige Möglichkeit, in ein Land mit Verfolgung zu ziehen oder als Missionar in einem armen Land zu leben?

Der umgelegte Schalter

Vorher: Vom Geld blieb nie viel übrig und der Zehnte reute mich, hinderte er uns doch daran, uns noch mehr für uns selbst zu kaufen. Nachher: Ich will so wenig wie möglich für mich haben und je mehr ich spenden kann umso mehr Freude verspüre ich.

Einmal quer durchs Haus - Die Beispiele

Konkret und bebildert. Eine Reise quer durch Küche, Badezimmer und Kleiderschrank.

Vom Minimalismus zur Genügsamkeit - und warum Marie Kondō nicht unser Vorbild ist

Minimalismus ist für viele der Versuch, eine kleine, perfekte Welt aufzubauen. So ist es für mich nicht. Mein Ziel ist Genügsamkeit.

Das einfache Leben

Minimalismus jenseits des Hauses: Auto, Ernährung, Gesundheit und Kleidungsstil.

Was hat Nachhaltigkeit mit Gott zu tun? Ein bisschen Ethik - und unser Herz dahinter

Nachhaltigkeit und Umweltschutz werden in der christlichen Welt manchmal ein bisschen wie Stiefkinder behandelt. Wieso ist das so? Denn Gott hat uns Menschen von allem Anfang an die Verantwortung übertragen, die Erde zu pflegen und zu ihr zu schauen.

Die grosse Freude des Gebens

Christlicher Minimalismus ist tot, wenn er bloss Selbst-Zweck ist. Wie wir Minimalismus und Spenden leben, sehr persönlich.

Nachtrag für Interessierte: Kleine Anleitung zu Zero Waste

Wie wir unseren Abfall um 90% eingespart haben.

Wenn wir leben, leben wir für den Herrn

Ich habe lange an einem diesem Artikel geschrieben, den ich anfangs “the plead” nannte. Er fasst alle Beiträge der letzten Wochen zusammen. Es ist allerdings keine kurze und auch keine leichte Lektüre.

Nachtrag zu unserem immer noch vorhandenen gewissen Wohlstand

Einleitung: Dazu, dass wir weder einen Nachhaltigkeits- noch einen Armuts-Preis gewinnen wollen. Und über Bio.

Aus dem Leben

Wie sieht Minimalismus bei uns konkret aus?

Können wir auf das Auto verzichten? Ein Selbstversuch

Die Idee: Lass uns einen Selbst-Versuch wagen: Wir versuchen das Auto einen Monat lang nicht zu benutzen. Drei Monate später: das Auto sprang nicht mehr an, die Autobatterie war leer!

Unsere Bedenken und Überlegungen beim Spenden an christliche Missionare

Unsere anfänglichen Bedenken und Überlegungen beim Geld-Spenden.

Der Wasserkocher

Unser Wasserkocher ist gestorben. Er war sechzehn Jahre alt. Er hinterliess keine Nachkommen. Ein praktisches Stück Minimalismus.

Minimalismus mit Kindern

Welche Rolle spielen unsere Kinder beim Thema Minimalismus? Was, wenn für sie noch immer gilt: “Mehr ist mehr?”

Jedes Ding an seinen Ort

“Jedes Ding an seinen Ort”. Heisst es so schön. Doch was, wenn meine Kinder 3125 Dinge besitzen?

Unser missglückter Anfang

Ja, wir machten viel viel falsch, im Nachhinein peinlich. Ein Beitrag dazu, in der Hoffnung, dass andere nicht dieselben Fehler machen.

Kinder zum Mitmachen motivieren

Unser langsamer Weg, wie es schlussendlich doch funktionierte.

Das kaputte Handy

Meinem Sohn (13) fiel das Handy runter. Und jetzt? Neu kaufen, gebraucht kaufen, reparieren oder auf Handy verzichten? Ein Erfahrungsbericht zum Thema: “Dinge reparieren, von denen ich keine Ahnung habe”.

Das “Sparen mit Bio” Experiment

Ist Bio nur für Reiche? Meine Frau ging auf Budget-Beratung Schweiz, nahm das niederste Budget für eine Familie mit zwei Kindern, zog gut 20% ab und kaufte nachhaltig, Bio und verpackungsfrei ein.

Teil 1: Der Honig

Der Bio-Honig kostet pro 500g 15.50 Fr. Vorher war er 13 Fr. Wir entscheiden uns, noch nichts zu kaufen. Zu Hause habe ich die Idee: “Wir kaufen einfach gar keinen Honig mehr!” Das sage ich natürlich nur, weil ich keinen Honig auf dem Brot mag. Aber mein Mann protestiert. “Verzichten geht nicht!”, ist seine Reaktion. Tja, damit wären wir schon mittendrin im Konflikt.

Teil 2: Die ersten zwei Tage

Beim Butter ist der Unterschied zur billigsten Marke für 200g 1.50CHF. Das ist recht viel! Wenn ich also nicht zum Billig-Butter wechseln will, gibts nur eins: Weniger Butter brauchen. Ich muss höllisch aufpassen, dass ich mein Geld richtig einteile und nichts übersehe.

Teil 3: Gemüsemarkt und Unverpackt - der grosse Spar-Test

Ich habe mir eine (gramm)genaue und sehr kurze Liste von dem gemacht, was ich unbedingt brauche: 1kg Rüebli, 500g Kartoffeln, einen Lauch und einen Zuckerhut. Macht 10.50. Der Gemüsehändler wundert sich über die kleinen Mengen. Da wir uns kennen und gerade niemand anders da ist, erzähle ich ihm von meinem Experiment.

Teil 4: Bilanz der ersten Woche

Die erste Woche neigt sich dem Ende zu, alle Einkäufe sind getätigt, morgen ist Sonntag. Bilanz: Budget um 75 Rappen überzogen. Gar nicht so schlecht! Häufig war ich auf einem Blindflug, wenn ich etwas einfach kaufen musste, ohne den Preis und das Gewicht zu wissen. Es hätte gut sein können, dass ich mich völlig verschätzt hätte.

Teil 5: Das erste Scheitern

Heute ist der befürchtete “Worst Case” von letzter Woche eingetroffen: das Wochengeld ist nach Gemüsemarkt und Unverpackt aufgebraucht. Eigentlich hätte mir schon Ende letzter Woche klar sein müssen, dass das auf die Dauer nicht ganz funktionieren kann.

Teil 6: Halbzeit

Heute mit einer Sätzchenrechnung: “Wenn dieser Betrag mehr als die Hälfte ihres normalen Budgets ist, wie viel beträgt dann ihr normales Budget höchstens?”

Teil 7: Das “Was ist wo billiger”-Chaos

Frage: »Haben Grossverteiler auf Bio-Produkten höhere Margen, um ihr Billig-Segment querzufinanzieren?«

Teil 8: Gedanken über (Tee-)Vorräte

Und über den Teeschrank, der immer zum Besten voll ist, obwohl wir eigentlich nur eine einzige Teesorte trinken.

Teil 9: Es ist möglich

Genügsamkeit. Mittlerweile ist das eines meiner Lieblingswörter geworden. Genügsamkeit heisst: Das Gemüse zu kaufen, das Saison hat und es gelassen hinzunehmen, wenn das im Moment bedeutet: Es gibt jede Woche Rüebli, Kartoffeln, Zuckerhut und Lauch. Es gibt doch diesen Satz: “If God gave you a lemon tree, then make some lemonade.”

Dies ist der letzte Beitrag zum Selbstversuch: Sparen mit Bio.

Wieso habe ich diesen Versuch gemacht?

Ich bekam einige Rückmeldungen, die nahelegten, dass das Verständnis für so ein (extremes) Experiment begrenzt ist. Was ist unser Ziel? Totale Selbstkasteiung? Wollen wir jetzt immer so leben? Keine Schokolade und keinen Honig mehr essen? Nur noch mikroskopisch kleine Mengen Fleisch auftischen? Arm spielen?

Ich verstehe natürlich, dass es nicht jedermanns Sache ist, so einen Versuch zu wagen. Unsere Kinder haben auch ein bisschen gespottet. Aber ich fand es einfach interessant, so etwas mal auszuprobieren, für eine begrenzte Zeit.

Die eigentliche Idee dahinter war ja zu schauen, ob die Aussage: “Bio ist nur für Reiche” stimmt. Natürlich wollte ich diese Aussage widerlegen. Am Ende des Monats muss ich sagen: Die Antwort ist: Ja und nein.

Angefangen habe ich mit 500 Franken pro Monat, sprich: 125 Franken für die erste Woche. Zugegeben, das ist wirklich sehr wenig. Davon zahlte ich Essen und Nebenkosten für unseren vierköpfigen Haushalt. Unsere Tochter ist zehn, unser Sohn ist dreizehn und isst wie ein Erwachsener. Ausserdem arbeitet mein Mann zu 100% im Homeoffice (deswegen hatten wir zuletzt unser Haushaltsgeld um 100 Franken pro Monat aufgestockt; das war vor dem Versuch).

Am Ende der ersten Woche musste ich sagen: Überleben ist möglich. Auch dank noch vorhandenen Vorräten. Aber natürlich würde ich keinem, der tatsächlich mit so wenig Geld über die Runden kommen muss, zumuten, dass er nur nachhaltige Produkte kauft.

Deshalb aus dieser Sicht ein “Ja”. Nur nachhaltig einzukaufen ist für jemanden mit sehr kleinem Budget nicht machbar. Diese Bürde würde ich niemandem aufzwingen wollen und ich würde es selbst auch nicht machen.

In der dritten und vierten Woche war mein Budget je 175 Franken, also aufgerechnet 700 Franken pro Monat. Ohne Nebenkosten (die sich übrigens für diesen Monat auf 40.75 beliefen).

Mit diesem grösseren Betrag liess sich schon etwas besser auskommen, allerdings würde ich auf die Dauer auch hier billigere (aber nicht Billig-) Produkte einbauen, um nicht Selbstkasteiung zu betreiben.

Es gibt also gewisse Grenzen, bzw. unter einem gewissen Budget ist nachhaltiger Einkauf schwer durchzuführen.

Wenn ich allerdings nach Schweizer Budget-Vorlagen suche, mit verschiedenen Einkommen und Familiengrössen, dann ist das tiefste Budget-Beispiel, das für eine Familie mit zwei Kindern aufgeführt ist, 1020 Franken. Ohne Nebenkosten 900 Franken. Also um einiges grösser als das, womit ich auszukommen versucht habe. Somit wären wir auf einem Niveau, wo Nachhaltigkeit doch wieder machbar(er) wäre. Dann wäre die Antwort doch wieder: Nein. Bio ist nicht nur für Reiche.

Was ich in den vier Wochen gelernt habe, ist, dass Bio nicht überall sündhaft teuer sein muss. Nehmen wir z.B. Gemüse. Wenn ich darauf achte, welche Sorte ich kaufe, kann ich ziemlich billig einkaufen. Dasselbe beim Fleisch: Wenn ich nicht die teuren Stücke kaufe und nicht jeden Tag Fleisch auf den Tisch bringe, kann ich auch da mit relativ wenig Geld auskommen. Und wenn ich mich mit Leber anfreunden kann, muss ich vielleicht nicht mal bei der Menge sparen… (Übrigens wagte ich mich diese Woche daran, aber drei Viertel der Familie fand die Konsistenz und der süssliche Geschmack von Leber zu gewöhnungsbedürftig. Letztendlich musste mein Mann den grössten Teil davon essen…)

Auch Teigwaren (wenn ich nicht gerade handgemachte kaufe), Reis und andere Getreide, Hülsenfrüchte, Mehl, Zucker und Salz sind in Bio-Qualität erschwinglich. Selbst Gewürze fallen nicht so sehr ins Gewicht, da die Mengen hier sehr klein sind.

Dann gibt es einige Dinge, die sehr teuer sind. Abgesehen von Edel-Produkten wie Trüffel-Öl oder gefriergetrockneten Erdbeeren, die sowieso nicht auf meinem Einkaufszettel stehen, gibt es eine Reihe von Nahrungsmitteln, die (v.a. in Bio-Qualität) schnell ziemlich ins Geld gehen. Dazu gehören:

Käse
Butter
Fleisch
Fisch
Olivenöl
Nüsse
Kaffee
Sojasauce

Also heisst es hier: bei der Menge sparen. Oder eben nicht nachhaltig einkaufen…

Was soll ich nun sagen? Einerseits finde ich, wenn man nicht gerade unter der Armutsgrenze lebt, kann man sich schon Gedanken über nachhaltigen Einkauf machen. Vorausgesetzt, man ist bereit, sich ein wenig einzuschränken. Andererseits möchte ich mir nicht anmassen, jemandem vorzuschreiben, wie er einkaufen soll. Oder, dass er zulasten seiner gewohnten Ernährung auf Bio umstellen soll. Da muss natürlich jeder selber entscheiden und bei jedem wird der Mix von nachhaltig und billig wieder anders aussehen. Auch ich kaufe ja nicht alles Bio ein.

Was natürlich in dieser ganzen Überlegung auch mitspielt, ist die Frage, wie ich mein gesamtes Einkommen einteile. Das Budget, das ich mir für den Haushalt festlege, hängt ja auch sehr davon ab, wie viel ich für andere Posten brauche. Sprich: Wenn ich mehr Geld für anderes brauche, bleibt weniger für den Haushalt übrig. Damit kommen wir wieder zu den Themen Minimalismus und Zero Waste. Die Rechnung ist logisch: Durch weniger Anschaffungen, weniger Mehrwegprodukte, mehr Gebrauchtes anstatt Neues, mehr sich zufriedengeben mit dem, was man hat, bleibt mehr Geld übrig. Und das kann dann, ausser zum Spenden, vielleicht zu einem gewissen Teil auch für nachhaltig produzierte Nahrung eingesetzt werden.

Eine interessante Entdeckung habe ich aber gemacht: Es ist tatsächlich möglich, gleichzeitig nachhaltig einzukaufen und zu sparen. Es stand ja auch ein bisschen die Frage im Raum: Kann ich es als Christ verantworten, zugunsten der Nachhaltigkeit bei der Nahrung so viel (für mich selbst) auszugeben, wenn ich doch auch die Möglichkeit hätte, billigere Produkte einzukaufen und das gesparte Geld zu spenden?

Meine Antwort heisst nun: Ja, ich kann es verantworten. Denn ich brauche gar nicht übermässig viel Geld für nachhaltiges Einkaufen. Ich war selbst freudig überrascht, als ich am Ende das übrige Geld zusammenzählte und sah: Ich konnte fast 600 Franken einsparen in diesem Monat! Zu Beginn des Experiments rechnete ich so halb damit, dass ich am Schluss sagen müsste: Ich kann höchstens 10 Prozent von meinem üblichen Budget einsparen. Bio hat einfach seinen Preis. Aber es waren fast 50 Prozent. Natürlich werde ich längerfristig nicht ganz so viel einsparen können. Aber was gespart ist, ist gespart. Ausser einer kleinen Summe, die ich für Gemüsesetzlinge und Samen auf die Seite tue, werde ich das Gesparte spenden. Wohin weiss ich noch nicht.

Das Schlüsselwort heisst wie immer: Genügsamkeit. Mittlerweile ist das eines meiner Lieblingswörter geworden. Genügsamkeit heisst: Das Gemüse zu kaufen, das Saison hat und es gelassen hinzunehmen, wenn das im Moment bedeutet: Es gibt jede Woche Rüebli, Kartoffeln, Zuckerhut und Lauch. Es gibt doch diesen Satz: “If God gave you a lemon tree, then make some lemonade.” In meinem Fall heisst das: Wenn ich nur Rüebli und Lauch zur Verfügung habe, mache ich etwas daraus. Es hat mich schon immer gereizt, mit wenig auszukommen und das Rätsel zu lösen, wie man trotzdem etwas Interessantes daraus machen kann. Das ist viel spannender, als einfach alles zu kaufen, wozu man gerade Lust hat oder was das Rezept vorgibt.

Es kann auch heissen: Schauen, wie die Familie auf Rapsöl anstatt Olivenöl reagiert. Oder welche Zutaten ich weglassen kann, ohne dass es jemand merkt. Oder mich zu überwinden und doch einmal Leber einzukaufen, mit der Gefahr, dass es ein völliger Reinfall wird. Übrigens haben wir entdeckt, dass wir zwar keine Leber mögen, Leberwürste hingegen sind im Winter zu einem beliebten Sonntagsessen geworden.

Und schliesslich habe ich auch beim Thema Essen und Ernährung vor Augen: Ich lebe nicht für mich selbst. Deshalb kann ich mich gelassen mit dem begnügen, was es gibt und muss mir nicht alles gönnen. Das ist ein wunderbares Gefühl!

Zum Schluss: Nach einem Monat ohne Schokolade muss ich erstaunlicherweise sagen: Es fehlt mir nicht (allerdings habe ich als kleinen Trick auch nicht gerade meine Lieblingsschokolade für die Kinder gekauft). Also werde ich das mal so beibehalten.

Auch nach dem Honig hat niemand mehr gefragt. Ich warte also mit kaufen, bis die Nachfrage wieder da ist…

Teil 6 von “Lesenswichtig”, einer Besten-Liste von christlichen Artikeln, die ich diese Woche gelesen habe.

Heute schon wieder eine english-only Ausgabe. Dafür habe ich wieder einige Zitate auf Deutsch übersetzt.

Wir sind vielleicht nicht sehr gross, aber wir sind sehr klein!

Ein Pastor erzählt von seinen Erfahrungen in Gemeinden, welche nie wirklich gross wurden. Von Kritik, die er von anderen hörte, und die er auch an sich selber stellte, weil jeder den Anspruch hat, dass Gemeinden wachsen sollen…

In der wunderbaren Serie von fiktiven Geschichten mit dem Titel “The Vinyl Café”, hören wir Geschichten von Dave, dem Besitzer des kleinsten Plattenladens der Welt. Das Motto von Daves Laden, The Vinyl Café lautet: “Wir sind vielleicht nicht gross, aber wir sind klein”.

In meinem Leben als Pastor war die meiste Zeit das Motto des Vinyl-Cafés mein Eigenes gewesen. Und ja, dies wird als ein Zugeständnis verstanden werden, als eine Feststellung des Versagens.

Im Laufe der Jahre wurde mir gesagt: Wieso die Gemeinden, die ich als Pastor leitete, nie zu etwas Grossem wuchsen, wären bei mir zu suchen: Meine Persönlichkeit. Ich sei eben nicht zum Pastorendienst berufen, meine calvinistische Theologie, die Art der Einladung an das Evangelium zu glauben, dass ich keine Leitungsfähigkeiten hatte, dass ich zu viel Zeit damit verbrachte, zu wenigen Menschen zu viel geistliches Fleisch zu geben, und zweifellos noch andere Dinge, die Gott mich gnädigerweise hat vergessen lassen. Die Kritik entspringt dem Glauben, dass grosses Wachstum das ist, was gut ist. Grosses Wachstum ist das, was Gott immer will, und das Fehlen davon kann auf Leiterschaft zurückgeführt werden.

Zum Artikel: Small Churches

Über Beweise

Andrée Seu Peterson hat einen kurzen spannenden Artikel geschrieben über Beweise:

Ich habe über Beweise nachgedacht. Früher wussten wir, was Beweise sind. Unsere einzige Frage war, ob derjenige, der den Fall vortrug, genügend davon besass. Wir würden es erkennen, wenn wir es sehen würden. Wir würden in der Lage sein, “schuldig” oder “nicht schuldig” zu sagen.

Ich gehe immer gerne zurück zur Bibel. Da gibt es die Zeit in der Geschichte Israels, als fast ein Bürgerkrieg ausbrach. Eine Gruppe von Stämmen glaubte, Beweise dafür zu haben, dass eine andere Gruppe von Stämmen vom wahren Gott abtrünnig geworden war.
Was ist passiert? Mose hatte den Stämmen Ruben, Gad und dem halben Stamm Manasse erlaubt, sich Teile auf der Ostseite des Jordans auszusuchen, und so zogen sie los und verabschiedeten sich von den anderen 9½ Stämmen westlich des Flusses.
Aber kurz vor dem Überqueren des Flosses bauten die 2½ Stämme einen Altar. Das sprach sich bei den anderen herum. Es sah schlecht aus für die zweieinhalb Stämme. Sie stürzten sich in die Kriegsvorbereitungen (Josua 22:12). Ein Trupp von Vertretern konfrontierte die östlichen Brüder wegen ihres “Verrats”. Die fassungslosen Ossies erklärten, dass ihr Steinhaufen nicht das bedeutete, was die 10 Stämme dachten. Es ging um ein Zeugnis, nicht um eine konkurrierende Religion. Alles endete gut.
Wenn du vermutet hast, die Moral von der Geschichte ist, dass wir uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern und Gerüchten über Verfall nicht nachgehen sollten, hast du falsch geraten. Die Heilige Schrift hält viel von guten Ermittlungen: “Wenn du hörst von einer deiner Städte, die dir der HERR, dein Gott, gibt, darin zu wohnen, dass man sagt: ‘Es sind ruchlose Leute aufgetreten aus deiner Mitte und haben die Bürger ihrer Stadt verführt und gesagt: Lasst uns hingehen und andern Göttern dienen, die ihr nicht kennt’, so sollst du gründlich suchen, forschen und fragen.” (5. Mose 13,13-15)

Zum Artikel: Evidence

Unser christlicher Auftrag hört auf den sozialen Medien nicht auf

Unser Auftrag, ein Licht zu sein, hört bei Social Media nicht auf. Randy Alcorn hat einen sehr nötigen Appell geschrieben:

Nichtchristen befürchten, sie würden unglücklich, wenn sie Christ werden. Das hat triftige Gründe: Sie kennen - wie viele von uns Gläubigen auch - bekennende Christen, die alles daran setzen, Not zu fördern, und nicht Freude.
Ich habe gesehen, wie bibelgläubige, christuszentrierte Menschen Gedanken auf einem Blog oder in den sozialen Medien gepostet haben, nur um dann eine Reihe von überkritischen Antworten von Leuten zu erhalten, die Bibelverse wie Spitzhacken schwingen und den kleinsten Hinweis auf einen verdächtigen Standpunkt sofort verurteilen.
Andere schliessen sich schnell an und bald scheint es, dass sich niemand die Mühe gemacht hat, zu lesen, was der Blogger tatsächlich gesagt hat. Die Antwortenden nehmen das Schlimmste an, praktizieren nicht “im Zweifel für den Angeklagten” und verwickeln sich in einen Rufmord aus der Schrotflinte. Wenn ich ein Ungläubiger wäre und solche Antworten lesen würde, würde ich mich sicherlich nicht zum christlichen Glauben hingezogen fühlen. Ich frage mich, warum diejenigen, die ein solches Verhalten an den Tag legen, nicht sofort erkennen, dass das, was sie tun, dem Glauben, zu dem sie sich bekennen, und der Bibel, der sie glauben, völlig widerspricht. Wie kommt es, dass ständige Verachtung, Misstrauen, Unfreundlichkeit und Feindseligkeit als geistliche Überlegenheit angesehen werden? Vielleicht hat man sich die Botschaft, dass Christen nicht glücklich sein sollen, wirklich zu Herzen genommen! Daher gibt es das Griesgram-Christentum im Überfluss.

Er führt danach ein paar Ratschläge von John Piper auf, wie man sich auf den Sozialen Median so verhalten kann, dass es für Nichtchristen tatsächlich ein Licht ist und kein Hindernis:

Frage: Hat mein Social-Media-Kommentar zum Ziel, die Person, mit der oder über die ich spreche, zu helfen, Gott besser kennenzulernen, Gott mehr zu vertrauen, Menschen besser zu lieben, in weniger Sünde und mehr Heiligkeit zu wandeln?

Sei langsam im Zorn, langsam im Reden, denn es ist sehr, sehr, sehr (ich sage drei und höre dort auf: sehr, sehr, sehr) wahrscheinlich, dass dein Zorn nicht gerecht ist, und meiner auch nicht, und er wird nicht das Gute hervorbringen, von dem du denkst, dass er es könnte.

Hier zum Artikel: Six Considerations Before You Share on Social Media

Bewahre deine Seele mit allem Fleiss

Zum Schluss ganz traditionell ein Artikel von Kristin. Auch sie hat eine Reaktion zu den Enthüllungen um Ravi Zacharias geschrieben, aber auf ihre ganz eigentümliche Art:

In ein paar Tagen wird mein Lieblingsmädchen siebzehn.

Ich lehnte mich an den Zaun, als sie neulich in der kalten Winterluft ohne Sattel ritt, den Rücken kerzengerade, goldenes Haar, das unter ihrem Reithelm hervorlugte. Ihre Stimme war tief und sanft, als sie mit dem Pferd sprach und seinen Hals tätschelte, während es gehorsam trabte. Es war wunderschön; ein klares Bild, das ich mir immer wieder ins Gedächtnis rufen werde. Sie ist stark und schön.

Ich sehne mich danach, sie vor allem zu schützen: Schmerz, Verrat, Verlust. Aber in ihrem kurzen Leben hat sie solche Dinge schon gesehen, trotz meiner schäferhundartigen Schutzmassnahmen. Ich kann sie nicht verborgen halten von der dunklen Seite des Lebens. Kürzlich wurde ein sehr vertrauenswürdiger Lehrer, der mit der Glaubensgeschichte unserer Familie verwoben war, entlarvt, weil er ein Doppelleben führte. Die anfängliche Abwehr meiner Tochter zu sehen, gefolgt von einem resignierten: Man kann niemandem trauen, hat mein Herz in kleine Stücke zerschlagen. Ich kenne dieses Gefühl gut; es wird noch eine Zeit lang eine harte Schlitterpartie werden. In den Stürmen sind wir gezwungen, neue Wege zu gehen. Es tut mir so leid, mein süsses Mädchen.

Zum Artikel: Keep Your Soul Diligently

Eigentlich wollte ich mit dem letzten Beitrag die Reihe über “Purpose Driven Life” abschliessen. Doch dann las ich Tag 41 über den Neid und dachte: Das ist wichtig, lass mich dies noch anhängen (und auch ein bisschen, weil es dann mit der Zahl sieben aufhört).

Die Zehn Gebote warnen vor Neid. Das fiel mir schon ein paarmal auf und wunderte mich, wieso wir Neid als etwas Normales abtun. “Es tun es ja eh alle”. Vielleicht. Aber wenn Gott das in die Zehn Gebote nimmt, dann muss da was dran sein…

Dies ist Teil 7 der Reihe über Rick Warrens Buch “The Purpose Driven Life”.
Hier gehts zur Rezension des Buches.
Heute aus dem Tag 41: “The Envy Trap”

Input Rick Warren:

Neid ist eine Falle. In der heutigen Welt, wo wir auf den sozialen Medien sehen, wie jeder andere lebt, ist Neid vielleicht der häufigste Grund, warum Menschen Gottes einzigartigen Plan für ihr Leben verpassen.

Neid ist eine Form von geistlicher Rebellion, die auf Unwissenheit und Arroganz beruht. Er geht davon aus, dass ich einen besseren Plan für mein Leben habe als mein Schöpfer! Wirklich? Die Bibel erinnert uns daran, wie anmassend dieser Gedanke ist:

Ja, o Mensch, wer bist denn du, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch das Gebilde zu dem, der es geformt hat: Warum hast du mich so gemacht? (Röm 9,20)

Neid ist eine so zerstörerische Haltung, dass Gott sie in den Zehn Geboten geächtet hat. Das letzte Gebot lautet: “Du sollst nicht begehren!” Begehren ist ein anderes Wort für Neid. Gott verbietet uns, zu beneiden, was andere haben, wie sie aussehen, was sie leisten und wer sie sind, weil er weiss, welchen Schaden Neid anrichtet.

Neid zerstreut deine Aufmerksamkeit. Du kannst dich nicht voll darauf konzentrieren, das zu werden, was Gott von dir will, und gleichzeitig andere beneiden. Jesus sagte: »Wer die Hand an den Pflug legt und dann zurückschaut, ist nicht brauchbar für das Reich Gottes.« (Lk 9,62). Wenn du immer damit beschäftigt bist, zu beobachten, was andere tun, oder dir wünschst, das zu haben, was sie haben, wirst du Gottes Plan für dein eigenes Leben verpassen.

Salomo bemerkte, dass Neid der Grund ist, wieso Leute so viel arbeiten:

Und ich sah, dass alle Mühe und alles geschickte Tun Neid des einen auf den anderen ist. Auch das ist nichtig und ein Greifen nach Wind. (Pred 4,4)

Und das Resultat?

All seine Mühe hat kein Ende. Auch kann sein Auge nicht genug Reichtum sehen. Und für wen mühe ich mich ab und versage mir jeden Genuss? Auch das ist nichtig und eine leidige Mühe. (Pred 4,8)

Neid führt dich zu anderen Sünden. Neid ist eine der sogenannten “Sieben Todsünden”. Das ist eine sündige Wurzel, aus denen viele andere Sünden wachsen. Die Bibel sagt: “Wo Neid und Selbstsucht ist, da ist Unordnung und jede böse Tat.” (Jak 3,16). Beachte, dass da zuerst Unordnung steht. Sobald der Neid seinen Kopf erhebt, beschwört er Konkurrenz, Konflikt und Verwirrung. Jedes Mal, wenn eine Freundschaft “aus der Balance” fällt, solltest du prüfen, ob nicht Neid die Ursache sein könnte.

Jakobus 3:16 sagt auch, dass Neid eine Quelle für “jede böse Tat” ist. Kann Neid eine Person zum Lügen bringen? Ja. Kann er jemanden zum Stehlen verleiten? Ja. Zu morden? Ja, natürlich. Morde, die durch Neid motiviert sind, machen täglich Schlagzeilen, und die Bibel ist voll von Beispielen für Verbrechen, die auf Neid basieren: Kain tötete seinen Bruder Abel aus Neid. Josephs Brüder verkauften ihn aus Neid in die Sklaverei. Saul versuchte mehrmals, David, der plötzlich beliebter war als Saul, aus Neid zu töten. Die Bibel sagt deutlich, dass die religiöse Elite Jesus töten liessen, weil sie ihn zutiefst beneideten!

Neid infiziert alles in dir und wirkt sich auf alles um dich herum aus. Wie kannst du also den Neid aus deinem Leben tilgen? Hier ein paar Ratschläge.

1. Vergleiche dich nicht mit anderen

Denn wir wagen es nicht, uns denen zuzurechnen oder gleichzustellen, die sich selbst empfehlen; sie aber sind unverständig, indem sie sich an sich selbst messen und sich mit sich selbst vergleichen. (2. Kor 10,12)

Warum ist es töricht, dich mit anderen zu vergleichen? Weil du unvergleichlich bist! So wie jeder andere auch. Gott hat jeden von uns “einmalig” geschaffen. Ausserdem führt das Vergleichen zu einer von zwei negativen Reaktionen: Stolz oder Neid. Du kannst immer jemanden finden, von dem du denkst, dass du besser bist als er, und du wirst stolz sein. Auf der anderen Seite wirst du immer Menschen finden, von denen du denkst, dass es ihnen besser geht als dir, und du wirst neidisch und entmutigt werden. Was zählt, ist nicht, wer besser dran ist, sondern ob du das tust, wozu Gott dich geschaffen hat.

Sage dir einfach: “Diesen Weg werde ich nicht einschlagen”, und denke an etwas anderes.

2. Freue dich mit den anderen

Freue dich mit solchen, denen es gut geht! Die gerade erfolgreich sind! Die Bibel sagt uns, dass wir glücklich sein sollen, wenn Gott die Menschen um uns herum segnet. “Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!” (Röm 12,15)

Wie gehst du mit Beförderungen von Arbeitskollegen um? Wenn du Single bist, wie gehst du mit den Hochzeiten und Babypartys von Freunden um? Was ist deine erste Reaktion auf die Nachricht, dass jemand, den du kennst, ein unerwartetes Glück trifft? Wann hast du Gott das letzte Mal dafür gedankt, was er für jemand anderen getan hat?

Wenn du dich dabei ertappst, dass du anfängst, jemand anderen zu beneiden, wenn du anfängst zu wünschen, du hättest ihren Job oder ihr Talent oder ihren Freund oder ihre Kinder oder was auch immer, erinnere dich daran, dass Gott dir einige einzigartige Gaben gegeben hat, die sie nicht haben, und ausserdem hast du keine Kenntnis von all den Nachteilen, welche die andere Person hat, weil sie so ist, wie sie ist.

3. Habe Gottvertrauen

Vertraue Gott, wenn das Leben ungerecht erscheint. Eines der Zeichen, dass Neid in mein Herz eingedrungen ist, ist, wenn ich anfange zu fühlen: “Es ist nicht fair! Es ist nicht fair, dass ich nicht das habe, was sie haben!” Jedes Mal, wenn wir Gott der Unfairness beschuldigen, zweifeln wir eigentlich an seiner Güte.

In Matthäus 20 erzählt Jesus, dass ein Besitzer eines Weinbergs mehrere Leute angeheuert hat, zu verschiedenen Zeiten. Am Ende des Tages zahlte er allen wider Erwarten gleich viel. Offensichtlich störte das die letzten Arbeiter nicht, aber die Männer, die den ganzen Tag gearbeitet hatten, beschwerten sich lautstark, dass der Gutsbesitzer ungerecht sei. Sie sagten: “Diese letzten Arbeiter haben nur eine einzige Stunde gearbeitet, und du hast sie einfach mit uns gleichgestellt, die den ganzen Tag unter der sengenden Sonne geschuftet haben!”

Ich liebe die Direktheit des Gutsbesitzers: “Nimm dein Geld und geh!” (Mt 20,14). In anderen Worten: “Hör auf, anderen meine Gnade übel zu nehmen, sei dankbar für das, was du hast, und fahre jetzt mit deinem Leben fort!” Dieser Ratschlag wird dich davor bewahren, in die Neidfalle zu tappen und von dem Weg, den Gott für dich vorgesehen hat, abzukommen.

Philipps Gedanken dazu:

Jedes Mal, wenn ich das Beispiel mit den Arbeitern im Weinberg lese, denke ich: Ich kann zwar dem Beispiel logisch folgen. Ich verstehe, dass hier gerade das Konzept der Gnade erklärt wird, dass sie eben nicht Ursache -> Wirkung basiert ist. Aber meine Emotionen können nicht folgen. Sie schreien beständig: “Unfair! Unfair!”. Daran merke ich, wie weit weg ich noch davon entfernt bin, Gottes Gnade zu verstehen - nicht bloss intellektuell, sondern von Herzen.

Neid ist auch in meinem Leben ein dauernder Begleiter. Der schlimmste Ort: Social Media. Es scheint geradezu den Neid anzustacheln. Ja, manchmal denke ich mir, dass Social Media genau deshalb so mächtig wurde, weil es durch den unbändigen Neid der Menschheit genährt wird. Und doch will ich Twitter und Facebook nicht verlassen. Stattdessen habe ich mir nach dem Lesen von Rick Warrens Beitrag vorgenommen, mich am Glück der anderen zu freuen und mich zu fragen, was meine Aufgabe ist, wodurch ich dienen kann. Denn in der Gemeinde gibt es viele Glieder, die einen scheinen ehrbarer, aber alle sind notwendig.

Meine Bekehrungsgeschichte beginnt mit Pulp Fiction. Es ist ein denkbar seltsamer Anfang, aber in diesem Kult-Film geht es eigentlich darum, wie Jules merkt, wie Gott ihn gerade vor dem Tod bewahrt hat. Die einzige logische Reaktion war, dass er seinen Job aufgab und ab sofort Jesus nachfolgte. Das ist vermutlich nicht die anerkannte Zusammenfassung des Plots. Aber glaubt mir, darum geht es eigentlich im Film und so hat Gott ihn auch in mein Leben gestellt.

Ich sah mir den Film an und war tief beeindruckt. Ich wusste zwar nicht wovon, aber nach dem Film stand ich auf, drehte den Fernseher ab und wusste: Etwas muss in meinem Leben geschehen. Es erwachte in mir der Wunsch, nach der Wahrheit zu suchen. Ich stand mitten im Wohnzimmer meines Elternhauses. Es war niemand zu Hause. Meine Augen schweiften durch die Büchergestelle auf der Suche nach einem Buch, das mich über die Wahrheit des Lebens erleuchten könnte. Sowas hatte ich zuvor nicht gemacht. Ich hatte mich nie für Philosophie interessiert. Mein Leben war geprägt von Realismus, von Naturwissenschaften, aber nach Pulp Fiction musste etwas verrücktes her, etwas ganz anderes.

Nun gab es in diesem Büchergestell leider keine christlichen Bücher, denn meine Eltern hatten sich vom Christentum abgewendet. Mein Vater war in einer christlichen Familie aufgewachsen. Seine Eltern und alle seine Geschwister gingen in den Brüderverein, eine strenge, gesetzliche Freikirche. Er wollte aus dieser Enge ausbrechen, verwarf den christlichen Glauben, und wendete sich der Esoterik zu. Meine Mutter war katholisch aufgewachsen. Sie wurde in einer klösterlichen Schule unterrichtet, ihre Eltern waren streng katholisch und lehnten alles ausserhalb der katholischen Kirche ab. Auch sie wollte aus dieser Enge ausbrechen und wendete sich, zusammen mit meinem Vater, der Esoterik zu. Mein Bruder und ich wurden in der esoterischen Weltsicht erzogen. Zu viert lachten wir über die Enge des Christentums. Meine Verwandten väterlicherseits schickten uns gelegentlich christliche Traktate zu, in der Hoffnung, wir Kinder würden sie lesen, aber stattdessen machten wir uns über diese Hefte lustig. Ich erinnere mich an eine Zeichnung mit dem Titel “der schmale Weg”. Es zeigte den richtigen, christlichen Weg, der zum Himmel führt und daneben den “breiten Weg”, welcher gesäumt war mit Menschen, die tanzten, tranken und sich mit Glücksspiel vergnügten und der natürlich in der Hölle endete. “Wie hinterwäldlerisch”, dachten wir, “wie langweilig!”. Es gab nichts, was mich am christlichen Glauben auch nur im Ansatz interessierte hätte.

So kam es, dass ich kein christliches Buch aus diesem Büchergestell nahm. Auch wenn es eines gegeben hätte, ich hätte es höchstens als Belustigung gelesen. Was ich dann fand, war “Siddharta” von Hermann Hesse. Ich nahm es nach oben in mein Schlafzimmer und fing an, darin zu lesen.


Zu diesem Zeitpunkt war ich neunzehn Jahre alt. Ich hatte gerade meine obligatorische Militärzeit (Rekrutenschule) abgeschlossen und mein Informatikstudium an der Universität (ETH Zürich) begann. Leider kannte ich in meiner Klasse niemanden. Mein bester Freund in der Kantonsschule hatte sich zwar auch für das Informatikstudium entschieden, aus irgendeinem Grund wollte er aber in Lausanne studieren. Im Nachhinein sagt er, das wäre eine Fehlentscheidung gewesen, doch für meine Bekehrungsgeschichte war diese Entscheidung wichtig, denn so war ich darauf angewiesen, im Studium neue Freunde zu finden.

Meine Passion zu dieser Zeit war die “Demoscene”. Das waren Programmierer, welche Computeranimationen programmierten und sie mit Musik hinterlegten. Ich hatte mit meinem Freund aus der Kantonsschule eine Gruppe gegründet und wir hatten einige dieser “Computer-Demos” programmiert. Ich war für die Musik zuständig und wendete all meine Freizeit dafür auf.

Eines Tages, als ich mit dem Shuttle-Bus zu einem entfernten Gebäude der ETH fuhr, dünkte mich, ich hörte zwei Studenten über die Demoscene sprechen. Ich war mir zwar nicht ganz sicher, aber da ich sowieso keine Freunde hatte, nahm ich all meinen Mut zusammen und sprach sie an, mit dem Risiko, dass ich mich lächerlich machte. Und siehe da, sie waren wirklich Demo-Programmierer! Die Freude über das gemeinsame Hobby war gross und so verbrachten wir von diesem Tag an viel Zeit zusammen.

Der eine der beiden hiess Josi (eigentlich Josua) und wie sich bald herausstellte, war er Christ. Es störte ihn nicht, dass keiner seiner Mitstudenten an Jesus glaubte. Er war sich seiner Sache sicher und erzählte auch mir bald in einer sehr natürlichen Art und Weise vom Christentum, weil Jesus das Zentrum seines Lebens war. Dabei schien er sich ehrlich für mich zu interessieren, bat mich zum Beispiel zu ihm zu sitzen in den Vorlesungen; mein Bedürfnis nach Freundschaft wurde grosszügig gestillt.

Kurze Zeit später zog ich für eine Woche in die WG von Josi und seinen zwei Mitstudenten. Wir wollten mehr Zeit zusammen verbringen, über Computer-Demos sprechen und übers Programmieren austauschen. Ich übernachtete in Josis Zimmer. Eines Abends, nachdem wir uns zu Bett gelegt und schon das Licht gelöscht hatten, fragte er mich, wieso ich denn nicht an Gott glaube. Ich erwähnte, dass die Evolution eine ganz gute Erklärung für die Welt sei, doch Josi konterte: Es sei gar keine gute Erklärung. Wie sollte zum Beispiel ein Auge entstehen? Ein Auge ist so kompliziert, da braucht es die Netzhaut und die Nerven, es braucht ein Gehirn und so weiter. Wenn die Evolution durch Vererbung nur jeweils Mutation für Mutation voranschreitet, dann muss es einen Fisch gegeben haben mit einem “halben Auge”, das wäre für den Fisch aber nur nachteilig gewesen und er hätte sich gegenüber den anderen Fischen nicht durchgesetzt. Diese Argumentation schien mir logisch und mein grösstes naturwissenschaftliches Argument gegen Gott wurde entkräftet.


Am vierundzwanzigsten Dezember ging ich in das Zimmer meines Bruders und stellte mit Schrecken fest, dass er sich gerade die CD gekauft hatte, die ich ihm für Weihnachten gekauft hatte. Ich war verwundert, denn ich schenkte ihm jede Weihnacht die neueste CD seiner Lieblingsband, es war mir überhaupt nicht verständlich, wieso er nun wenige Tage vor Weihnachten diese CD kaufte. Mir war natürlich nicht bewusst, dass Gott im Hintergrund die Fäden spannte und dass dieses Missgeschick Teil seines Plans war. Mir blieb also nichts anderes übrig, als nach Zürich zu fahren und die CD umzutauschen. Als ich aus dem CD-Laden spazierte, begegnete ich Josi, der gerade den Zug zu seinen Eltern nehmen wollte. Wir freuten uns, einander zu sehen und er lud mich zu einem Spaziergang im Park ein. Im Park erzählte er mir seine Geschichte mit Gott. Geblieben waren mir vor allem die übernatürliche Wunder, die er mit Gott erlebt hatte.

Am Abend, nach der Weihnachtsfeier bei uns zu Hause, ging ich ins Bett. Im Bett dachte ich darüber nach, was Josi mir im Park erzählt hatte. Ich dachte: Wenn Josi so etwas erlebt, dann kann ich das mit Gott auch erleben. Also betete ich zu Gott: “Gott, wenn es dich gibt, dann zeige mir deine Liebe”. Und sofort durchströmte mich ein so intensives Gefühl, wie ich es noch nie erlebt hatte. Es war ein warmer Strom von Freude, der mich durchströmte, für einige Sekunden. Es war die Bestätigung, dass es Gott gibt und er mich liebt.

Dieses Erlebnis, davon bin ich überzeugt, war meine Wiedergeburt. In Johannes 3 wird beschrieben, dass es sich mit der Wiedergeburt so verhält, dass man nicht wisse, woher sie komme, wie ein Wind, der plötzlich bläst. Ein paar Wochen zuvor hatte ich Gott nicht gesucht, ja sogar über Gott gelacht, ihn verachtet, ihn als nutzlose Krücke abgetan, und nun hatte er meine Barrikaden durchbrochen und gab mir ein neues Herz, das ihn als etwas Wertvolles betrachtete.

Um die Zeit meiner Bekehrung fing ich an, regelmässig Tagebuch zu schreiben und auch am vierundzwanzigsten Dezember am Abend, vor dem ins Bett gehen, schrieb ich einen Eintrag und schloss ihn ab mit “mehr nach der Werbung…….”. Als Fernsehkind wollte ich einfach irgendeinen zufälligen Spruch aufschreiben, ohne Kontext, einfach weil es lustig war. Was ich nicht wusste: Gott würde nur wenige Minuten danach wirklich Werbung machen, und zwar eine Werbung, die unwiderstehlich war.


Das Problem war: Josi konnte mich in keine christliche Gemeinde mitnehmen. Für das Studium war er von zu Hause nach Zürich gezogen und besuchte übers Wochenende seine Eltern im Kanton Bern.

Das Weihnachtserlebnis allein ohne Gemeinde hätte nur einen kurzfristigen Effekt gehabt. Schon am Tag danach schrieb ich in mein Tagebuch, dass ich Angst habe, dass sich das alles auf ein Gefühl reduziere und sobald das Gefühl verflogen wäre, alles wieder beim Alten wäre.

Doch auch hier hatte Gott vorgesorgt. Etwa zwei Monate vor Weihnachten wurde ich auf der Strasse angesprochen. Ob ich Interesse hätte, in einen Gottesdienst zu kommen. Nein. Sie würden auch regelmässig Partys feiern, wo ich andere Studenten kennenlernen könne. Nein. Der Mann auf der Strasse liess nicht locker: “Hier ist meine Telefonnummer, wie lautet deine?”. Zum Nein sagen fehlte mir der Mut. Ich dachte daran, die falsche Nummer anzugeben, aber dafür war ich zu ehrlich. Also sagte ich ihm meine richtige Nummer. Und natürlich rief er an. Nach einiger Überzeugungsarbeit willigte ich ein, zu einer Party zu gehen. Und die gefiel mir, denn die Gemeinschaft war grossartig. Ähnlich wie bei Josi gab es da plötzlich Leute, die sich für mich interessierten und die auch untereinander nahe Freundschaften hatten. Ich wollte herausfinden, was das Geheimnis hinter dieser liebevollen Gemeinschaft war. Also fing ich an, in den Gottesdienst zu gehen. Doch meine Barrikaden blieben oben, weil es noch vor meinem Weihnachtserlebnis war.

Ich merkte schnell, worauf es hinauslief. “Jesus als einziger Weg in den Himmel” war inkompatibel mit meiner esoterischen Erziehung. Ich war überzeugt, dass jede Weltreligion zum Ziel führt, insbesondere der Buddhismus, da ich ja kurz zuvor Siddharta gelesen hatte. “Kein Sex vor der Ehe” kam mir nicht zeitgemäss vor. Obwohl ich als introvertierter Informatiker keine Freundin hatte, wo das ein Problem hätte sein können, waren solche Ansichten über die Sexualität unter meinen Mitmenschen eine lächerliche Kuriosität.

Ich überlegte mir, von dieser Gemeinde nur die Lebenspraktiken zu übernehmen, ohne dabei ihre Lehre anzunehmen. Dann könnte ich auch so lieben wie sie, ohne meine Überzeugungen und das Ansehen meiner Umgebung über Bord werfen zu müssen.

Aber dann kam es eben anders. Nach dem ersten Gottesdienstbesuch hatte ich das Weihnachtserlebnis, und dies bewegte mich, Gott zu suchen. In den Tagebucheinträgen fing ich an zu schreiben, dass ich will, dass Gott mein bester Freund wird. Plötzlich war ich bereit, nicht nur die Lebenspraktiken, sondern auch die Lehre zu übernehmen.

Bei der christlichen Gemeinde handelte es sich um die “International Church of Christ”, eine Abspaltung von der “Church of Christ”. Wie man aus der Episode der Strassenevangelisation herauslesen kann, war dies eine strenggläubige Gemeinde, die von den Mitgliedern höchste Hingabe erwartete. Sie hatte durchaus sektiererische Tendenzen. Trotzdem hatte Gott diese Gemeinde ausgesucht als Brutkasten für mich den Babychrist. Es ist wunderschön, wie Gott unperfekte, ja sogar fast sektiererische Gemeinden benutzen kann, um sein Reich zu bauen.

Nach dem zweiten Gottesdienstbesuch wurde ich gefragt, ob ich Interesse hätte, die “Bibel zu studieren”. Natürlich war ich interessiert! Ich wollte mehr über diesen Gott herausfinden. Wie sich herausstellte, war das ein Glaubens-Grundkurs, allerdings als Einzelunterricht. Ich sass jeweils mit zwei bis drei Männern dieser Gemeinde zusammen, meistens in einer ihrer WGs. Sie lehrten mich, wie ich die Bibel lesen kann und wie man betet. Dazu beteten wir alle zusammen laut. Sie lehrten mich über die Hingabe an die Gemeinde und die Sünde. Dabei bekannte jeder seine Sünden laut vor allen anderen. Weiter lehrten sie mich über das Kreuz, die Vergebung und die Taufe. Wir sassen täglich zusammen, jeden Abend. Sie sagten mir, dass dieser Prozess normalerweise viel länger gehe. Aber da ich schon wiedergeboren war, gab es bei mir nicht viel zu überlegen.

Die grösste Herausforderung für mich war, meine raubkopierte Software zu löschen. Nach dem Thema “Sünde” war klar, dass ich mich als Christ von jeder Sünde abwenden will, auch von dieser. Das Löschen der Software selbst war keine grosse Sache. Für Vieles gab es Freeware- oder Opensource-Alternativen, oder es liess sich eine günstige Studentenversion finden. Die grössere Sache war, meinen Mitstudenten zu erklären, warum ich keine raubkopierte Software mehr benutze. Es war das erste Mal, dass ich mich zu Jesus bekennen musste.

Am ersten Februar 1998 liess ich mich taufen. Vor der Taufe prüften die Brüder mein Herz: Was treibt dich an? Hast du wirklich Jesus als Heiland angenommen? Bist du von deinen Sünden umgekehrt? Hast du Jesus als Herr angenommen über all deine Lebensbereiche?

Ich verstand, dass dies eine grosse Entscheidung war. Ich erinnere mich an den einen Gebetsspaziergang, wo ich mit Gott rang. Sollte ich wirklich Jesus als Herr meines ganzen Lebens annehmen? Es kam mir vor, als müsse ich einen Schritt ins Leere tun und darauf hoffen, dass Gott mich hält.

Die Taufe selbst war ein grossartiges Erlebnis. Ich erinnere mich, dass ich nach der Taufe auf dem Nachhauseweg die ganze Welt hätte umarmen können. Ich wollte alles für Gott tun, für ihn in die Mission gehen, auch an die entferntesten Orte.

Es war so viel passiert innerhalb von drei Monaten, dass es mir schwerfiel, den Leuten zu erklären, was mit mir geschehen war. Meine Eltern verstanden es nicht, mein Bruder leider auch nicht. Und auch im Studium konnte ich es niemandem so richtig erklären. Ich verstand nicht, wieso sie die Herrlichkeit des Evangeliums nicht sehen konnten. Vielleicht taten sie es als Strohfeuer ab. Doch das Feuer blieb.

Auch heute, nach dreiundzwanzig Jahren, bleibt das Feuer in mir bestehen. Gott hat mir seinen Heiligen Geist gegeben. Der führte mich immer wieder zu ihm, durch alle Schwierigkeiten in Gemeinden und durch veränderte Lebensumstände. Immer blieb Gott mir treu und darum blieb auch ich ihm treu.

Die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist (Rom 5,5)

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