Meine Frau ist für mehrere Wochen verreist. Ich bin alleine mit den Kindern zu Hause. Diese Situation ist oft herausfordernd, ich komme schneller an meine Grenzen und merke meine Abhängigkeit zu Gott umso mehr.

Beim lesen hören von Paul E. Millers Buch “A Praying Life” wurde mir klar, dass genau dieser Mangel die Voraussetzung ist, zu Gott zu kommen. Ein paar Stellen, die mich besonders angeregt haben:

Kleine Kinder verstehen, was Hilflosigkeit bedeutet. Das ist, wo sie am besten sind. Aber als Erwachsene vergessen wir schnell, wie wichtig Hilflosigkeit ist. Ich für meinen Teil bin allergisch gegen Hilflosigkeit. Ich mag sie nicht. Ich will einen Plan, eine Idee, oder vielleicht einen Freund, der sich mein Problem anhört. So gehe ich instinktiv an alles heran, weil ich Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten habe. Das gilt sogar für meine Arbeit, Menschen über das Gebet zu unterrichten. Obwohl ich Gebetsseminare leite und eine Studie über Gebet geschrieben habe, kam es mir bis vor einem Jahr nie in den Sinn, systematisch und regelmässig für unseren Gebetsdienst zu beten. Warum nicht? Weil ich nicht hilflos war. Ich konnte unseren Gebetsdienst allein managen. Ich habe das nie gesagt oder auch nur gedacht, aber ich habe es gelebt. Ironischerweise ist die Hilflosigkeit eines der zentralen Themen in unserem Gebetsseminar. Ich war nicht hilflos gegenüber dem Dienst, Hilflosigkeit zu lehren! So ist das menschliche Herz. Ich fing erst an, regelmäßig über unseren Seminardienst zu beten, als er nicht vorankam - als ich hilflos wurde.

Jemand von Millers Gebetsseminar schreibt:

Ich fange an zu erkennen, dass es einen Unterschied gibt zwischen “Gebete sagen” und ehrlichem Beten. Beides kann äusserlich gleich klingen, aber Ersteres ist zu oft von einem Gefühl der Verpflichtung und Schuld motiviert; wohingegen Letzteres von der Überzeugung motiviert ist, dass ich völlig hilflos bin, das “Leben” allein zu schaffen. Oder im Fall des Betens für andere, dass ich völlig hilflos bin, anderen ohne die Gnade und Kraft Gottes zu helfen.

In der Bibel erleben genau die Hilflosen, Mangel leidenden die Hilfe von Jesus. Er wies gerade die, «die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet» an, zu ihm zu kommen.

Im ganzen Buch Johannes sehen wir Menschen, die wegen ihrer Hilflosigkeit zu Jesus kommen. Die samaritanische Frau hat kein Wasser (Joh 4). Später in demselben Kapitel hat der Sohn des Beamten keine Gesundheit. Der verkrüppelte Mann am Teich von Bethesda hat keine Hilfe, um ins Wasser zu kommen (Joh 5). Die Menschenmenge hat kein Brot (Joh 6). Der blinde Mann hat kein Augenlicht (Joh 9). Und schliesslich hat Lazarus kein Leben (Joh 11).

Wir sagen uns: “Starke Christen beten viel. Wenn ich ein starker Christ wäre, würde ich mehr beten.” Starke Christen beten tatsächlich mehr, aber sie beten mehr, weil sie erkennen, wie schwach sie sind. Sie versuchen nicht, das vor sich selbst zu verbergen. Schwachheit ist der Kanal, der ihnen den Zugang zur Gnade ermöglicht.


Aus Paul E. Millers Buch “A Praying Life: Connecting with God in a Distracting World“. Ich höre mir das Buch gerade als Audiobuch an.

Folge 16 von “Lesenswichtig”, einer Liste von christlichen Artikeln, die mich diese Woche bewegt haben.

Wenn gute Beziehungen schlecht sind: Mutter und Tochter

Ruth Metzger schreibt ungewohnt salopp. Doch das hat seine Gründe. Der Text, den sie beschreibt, ist selbst unbeschönigt. Es geht um die Umstände der Enthauptung Johannes des Täufers: Eine toxische Mutter-Tochter-Beziehung. Ein Ausschnitt:

Wahrscheinlich hatte sie viele Wünsche, aber sie ist eine richtig gute Tochter. So verlässt sie den Raum mit der angeheiterten Männergesellschaft und geht zu ihrer Mutter, um die um Rat zu fragen. Denn Mama und sie, sie haben Ziele im Leben, und Mama hat die nötige Erfahrung, was man braucht, um vorwärtszukommen. Und ja, Mama weiss schon was. Es gibt da so einen frommen Störenfried, der immer darauf herumhacken muss, dass ihre Beziehung zu Herodes auf Ehebruch beruht. Und das Schlimme ist, ihr Mann mag den Kerl irgendwie leiden. Er ist beeindruckt, wenn auch nicht genug, um Konsequenzen zu ziehen – obwohl er in anderen Belangen sogar manchmal auf ihn hört. Er hat diesen unverschämten Propheten zwar ins Gefängnis gesteckt, aber er lässt ihn immer mal wieder rufen, um sich mit ihm zu unterhalten. Dieser bigotte Mahner mit seinen religiösen Moralvorstellungen muss weg, sonst kriegt er Herodes am Ende noch rum.

Zum Artikel: Wenn gute Beziehungen schlecht sind: Mutter und Tochter

Darwins Einfluss auf den Nationalsozialismus

Creation.com hat einen spannenden Artikel darüber, wie Darwins Evolutionstheorie in der “Endlösung” des Naziregimes zum Ausdruck kommt. Anfangs schien die Theorie noch harmlos:

Charles Darwin und seine Anhänger haben gezeigt, wie sich alles Leben auf dem Planeten aus einer einzigen Quelle entwickelt hat. Der Mechanismus, den sie Evolution durch natürliche Auslese nennen, bedeutet Konkurrenz, Aussterben und das Entstehen neuer Lebensformen, ohne dass ein Regisseur oder Dirigent nötig ist.

Die Gedanken von Darwin passten gut zur Devise “Zurück zur Natur”, die in der Romantik sehr populär war:

[Darwin] hat uns zur Natur zurückgebracht, zu ihrem Wunder, zu ihrer Herrlichkeit und zu ihrer Gefahr. Charles Darwins Evolutionstheorie stellt fast alles infrage, was wir über uns selbst zu wissen glaubten: Woher wir kommen, warum wir uns so verhalten, wie wir es tun, die Ursprünge unserer Moral.

Dann fing die Evolutionslehre damit an, schlechte Früchte hervorzubringen:

Im Jahr 1915 hatte der amerikanische Pazifist und Entomologe Vernon Kellogg Anlass, mit Mitgliedern des deutschen Oberkommandos zu speisen.

Kellogg war entsetzt über das, was er hörte. ‘Das Glaubensbekenntnis der natürlichen Auslese, basierend auf gewalttätigem, konkurrenzbetontem, tödlichem Kampf, ist das Evangelium der deutschen Intellektuellen’, schrieb Kellogg. … Kellogg war schockiert von dieser grotesken darwinistischen Motivation für die deutsche Kriegsmaschine.

Weiter:

Herbert Spencer, ein Verfechter rücksichtsloser, extremer Geschäftstaktiken, prägte den heute berühmten Begriff “survival of the fittest”, um die natürliche Auslese zu beschreiben. “Spencer war der erste, der Darwins Theorie in ein politisches Manifest verwandelte … geh mit [dem Kampf des Lebens], widersetze dich ihm nicht; belohne die Starken und beseitige die Schwachen. Aber er gab Darwins Theorie einen irreführenden Dreh. Darwin schlug vor, dass die Natur die am besten angepassten Individuen begünstigt, nicht unbedingt die stärksten.

Daraus entstand die Eugenik…

Es gibt auch einen informativen Überblick über die Geschichte der Eugenik, beginnend mit ihrem Ideengeber (und Darwins Cousin) Francis Galton, der davon besessen war, die Darwinsche Selektion zu nutzen, um die menschliche Rasse zu verbessern

…die durch Heinrich Himmler im totalen Desaster endete:

Darwins Theorie verlieh dem Kampf um ‘rassische Reinheit’, der für die NS-Philosophie zentral war, den Anschein wissenschaftlicher Seriosität. … Im Jahr 1935 führte Heinrich Himmler, der Führer der SS, ein eugenisches Zuchtprogramm ein, um die arische Rasse zu stärken. Deutsche Offiziere wurden ermutigt, Kinder mit nordischen oder arischen Müttern zu zeugen.

Später begann die Gestapo, Menschen “unreiner Rasse” zusammenzutreiben. Rund 250’000 dieser Männer, Frauen und Kinder schickten die Nazis von 1939 bis 1945 in die Gaskammern, die unter dem Codenamen “Operation T4” liefen.
‘Survival of the fittest’ wurde übersetzt als ‘Mord an den Schwächsten’

Ist es nicht verwunderlich: In der heutigen Zeit der “Social Justice”, wo es darum geht, sozial benachteiligte Gruppen, unterdrückten Rassen, den übervorteilten Frauen, mehr Rechte zu geben, wird gleichzeitig argumentiert, dass das Christentum dabei ein schlechter Einfluss wäre! Das Christentum, das verkündet, man solle nicht auf das eigene Wohl schauen, sondern das des anderen? Das Christentum, das die Kinder zu Jesus kommen lässt? Das Christentum, dessen Begründer uns zu den Menschen im Gefängnis schickt und sagt “was ihr einem dieser geringsten getan habt, das habt ihr mir getan”? Mir will nicht in den Kopf, wie Menschen einerseits die Schwächeren der Welt schützen wollen und gleichzeitig das Christentum verdrängen.

Zum Artikel: The BBC TV series Darwin’s Dangerous Idea

Sophie Scholls Ringen mit Gott

Heute wäre Sophie Scholl hundert Jahre alt geworden. Zum Jubiläum brachte der ERF Auszüge aus dem Buch Einer muss doch anfangen!: Das Leben der Sophie Scholl.

Mir war nicht bekannt, dass Sophie Scholls Handeln christlich motiviert war. Ihr Glaube an Gott scheint nicht nur ein Nebenschauplatz zu sein. Ganz im Gegenteil, ihr Ringen mit Gott brachte sie dazu, ihr Leben hinzugeben für ihre Freunde. Ein Auszug:

Bisweilen aber brauchte sie einfach die Stille, um zu sich zu kommen und zu Gott. Er schien ihr oft so unendlich weit fern. Wie konnte sie zu ihm kommen, konnte sie vor ihn treten? »Ich würde so gerne an Wunder glauben. Ich würde so gern glauben, dass ich durch das Gebet Kraft bekomme. Allein kann ich nichts.« Für einen Moment kniete sie, als evangelische Christin war das für sie ungewohnt, und sie schämte sich… Vielleicht war es auch falsche Scham. Könnte sie den Weg zu Gott erzwingen durch die Sehnsucht oder die Hingabe ihrer Seele? Sie spürte: »Es gehören viele Schritte, viel allerwinzigste Schritte dazu, und es ist ein sehr langer Weg.« – »O, es war doch im Grunde ein Wollen zu Gott.«

Als einzigen Weg sah sie das Gebet, aber ihr zerfielen die Worte. Sie musste um das »Betenkönnen« beten. Es ist die Bitte, die einer der Jünger an Jesus richtete: »Herr, lehre uns beten.« Er ist der einzige »Mensch, der es fertiggebracht« hat, »ganz gerade den Weg zu Gott zu gehen.« Gegen die Gottesferne helfe »nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat, und wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle.«
In ihrem Ringen mit Gott und ihrer Unruhe begegnete ihr ein Ausspruch des Kirchenvaters Augustin: »Zu dir hin, o Gott, hast du uns erschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.« Sie fand diese Stelle in den Bekenntnissen des Theologen, dessen Texte sie jeden Tag stückweise las.

Auszug aus ihrem Tagebuch:

Mein Gott, ich kann nichts anderes als stammeln zu Dir. Nichts anderes kann ich, als Dir mein Herz hinhalten, dass tausend Wünsche von Dir wegziehen. Da ich so schwach bin, dass ich freiwillig nicht Dir zugekehrt bleiben kann, so zerstöre mir, was mich von Dir wendet, und reiss mich mit Gewalt zu Dir. Denn ich weiss es, dass ich nur bei Dir glücklich bin, ach, wieweit bin ich weg von Dir, und das beste an mir ist noch der Schmerz, den ich darüber empfinde. Doch ich bin so tot und stumpf oft. Hilf mir, einfältig werden, bleibe bei mir, o, wenn ich einmal Vater sagen könnte zu Dir. Doch kann ich Dich kaum mit »DU« anreden. Ich tue es, in ein grosses Unbekanntes hinein, ich weiss ja, dass Du mich annehmen willst, wenn ich aufrichtig bin, und mich hören wirst, wenn ich mich an Dich klammere. Lehre mich beten. Lieber unerträglichen Schmerz als ein empfindungsloses Dahinleben. Lieber brennenden Durst, lieber will ich um Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen beten, als eine Leere zu fühlen, eine Leere, und sie zu fühlen ohne eigentliches Gefühl. Ich möchte mich aufbäumen dagegen.

Ihr Weigern, sich der Leere hinzugeben. Ihre Bereitschaft zum Leiden. Das war es, wieso sie danach mit der “Weissen Rose” Flugblätter verteilte. Sie wusste genau, in welche Gefahr sie sich brachte. Doch sie konnte nicht zusehen, wie das Gedankengut der Nationalsozialisten von der politischen Elite ungefragt aufgenommen und unterstützt wurde.

Sophie Scholl wurde zum Tode verurteilt. Auf dem Weg zu der Hinrichtung sprach sie mit ihrer Mutter. (wundersames Gegenstück zu der im ersten Artikel angetönten toxischen Mutter-Tochter-Beziehung!)

»Nun wirst du also gar nie mehr zur Türe hineinkommen«, sagte die Mutter. »Ach die paar Jährchen, Mutter«, gab Sophie zur Antwort. Dann betonte sie wie Hans, fest und überzeugt, gerade zu triumphierend: »Wir haben alles, alles auf uns genommen.« Und sie fügte hinzu: »Das wird Wellen schlagen.« Dann erinnerte sie die Mutter: »Gelt, Sophie: Jesus.« Und sie antwortete ihr ernst und fest: »Ja, aber du auch.« Dann verliess auch Sophie den Raum und die Mutter sah ihr nach.

Zur Sendung: Lesezeichen XXL: Einer muss doch anfangen! Das Leben der Sophie Scholl

Wie erlange ich Weisheit? Ja, was ist Weisheit überhaupt? Lerne ich es aus Büchern? Kommt sie aus Lebenserfahrung? Wie kommt es, dass einige Menschen mehr Weisheit besitzen als andere?

Das Buch der Sprüche beantwortet genau diese Fragen. Ich habe mich seit gut zwei Monaten mit diesem Bibelbuch auseinandergesetzt und war einigermassen überrascht, was es zum Thema Weisheit zu sagen hat.

Ich stellte mir vor: Wenn ich das Buch der Sprüche nicht kennen würde, wie würde ich Weisheit beschreiben? Wie erlangt man sie? Ich kam dabei auf einige falsche Vorstellungen von Weisheit, die ich in diesem Artikel in “5 Missverständnissen” zusammengefasst habe:

Missverständnis 1: Weisheit ist etwas Elitäres

Wenn ich die Bibel nicht hätte, würde ich sagen: Weisheit ist etwas Elitäres. Es ist etwas, wofür ich hart arbeiten muss, um es zu besitzen. Es ist etwas, was ich horten kann, um danach in wohlwollender Geste andere daran teilhaben zu lassen. Es ist etwas, wodurch ich mich von anderen abheben kann.

Doch das ist nicht die Weisheit, wie die Bibel sie beschreibt. Der Jakobus-Brief im Neuen Testament ist das Gegenstück zum Buch der Sprüche im Alten Testament. Darin wird die elitäre Weisheit, die ich eben erwähnt habe, so beschrieben:

Wenn ihr aber bitteren Neid und Selbstsucht in eurem Herzen habt, so rühmt euch nicht und lügt nicht gegen die Wahrheit! Das ist nicht die Weisheit, die von oben kommt, sondern eine irdische, seelische, dämonische. Denn wo Neid und Selbstsucht ist, da ist Unordnung und jede böse Tat. (Jak 3,14-16)

Es gibt also eine Weisheit, die wie Weisheit aussieht, aber sich schlussendlich als “falsche Weisheit” entpuppt! Das macht es natürlich schwierig. Wo “Weisheit” draufsteht, ist nicht unbedingt auch “Weisheit” drin.

Gut sichtbar wird das auch in den beiden Paulus-Briefen an die Gemeinde in Korinth, wo Paulus die christliche Weisheit mit der griechisch geprägten, hochmütigen, wichtigtuerischen Weisheit gegenüberstellt.

Nun, das war nun noch nicht aus dem Buch der Sprüche. Wir kommen aber langsam dahin. Versprochen.

Missverständnis 2: Weisheit erarbeitet man sich im Studierzimmer

Die Weisheit, so dachte ich, wird am ehesten im Studierzimmer erarbeitet. Die Weisheit wäre zu lesen in Büchern über Philosophie, Geschichte, Biografien, etc. Diese Vorstellung bringt meinen Hintergrund ans Licht: Ich studierte in einer Universität und bin daher wohl auch noch mehr dadurch geprägt aus Büchern zu lernen als andere, die eine Berufslehre gemacht haben.

Ich denke, das Missverständnis lässt sich gut durch folgende Tatsache beschreiben: An einigen Universitäten ist dieser Bibelspruch in die Fassade gemeisselt:

Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.

Obwohl hier nicht von Weisheit, sondern von Wahrheit die Rede ist, deckt sich das mit der falschen Vorstellung, die ich vorher beschrieben habe: Weisheit erlangt man durch hartes Arbeiten.

Die Bibelstelle ist aber aus dem Kontext gerissen, davor sagt Jesus:

Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger

Und sofort kehrt sich das Bild: Die Weisheit ist nichts, das man sich zuerst erarbeiten muss. Es ist etwas, das schon da ist, ja, das Jesus auf die Erde gebracht hat und schon offenbart ist. Es ist nicht so, dass ich mich zur Weisheit durchkämpfen muss, sondern dass die Weisheit zu mir kommt. Und nun kommen wir endlich wirklich zum Buch der Sprüche: In den Sprüchen wird die Weisheit personifiziert. Es ist eine Person, die auf der Erde wandelt und spricht, an die man sich wenden kann etc. Es ist naheliegend, dass diese personifizierte Weisheit Jesus selbst ist (z.B. Spr 8,23: «Ich war eingesetzt von Ewigkeit her, vor dem Anfang, vor den Ursprüngen der Erde»).

Und die Weisheit in den Sprüchen ist wie Jesus, als er auf der Erde wandelte: sie stellt sich auf vor den Menschen und verkündigt:

Ruft nicht die Weisheit laut, und lässt nicht die Einsicht ihre Stimme vernehmen? Oben auf den Höhen, draußen auf dem Weg, mitten auf den Plätzen hat sie sich aufgestellt; zur Seite der Tore, am Ausgang der Stadt, beim Eingang der Pforten ruft sie laut: An euch, ihr Männer, ergeht mein Ruf, und meine Stimme an die Menschenkinder!

Gott hat die Weisheit auf die Erde geschickt, dass sie uns besucht. Er hat sie mitten unter den Menschen wohnen lassen! Es ist nicht so, dass wir sie suchen müssten, sondern sie sucht uns. Jesus sagte immer und immer wieder “wer Ohren hat zu hören, der höre” und meinte damit: das Einzige, was wir tun müssen, um Weisheit zu erlangen ist zuzuhören. Und das ist wahrhaftig keine elitäre, universitäre Kunst, sondern erfordert lediglich die Kunst des Zuhörens:

Hört, denn ich habe Vortreffliches zu sagen, und meine Lippen öffnen sich für aufrichtige Rede. (Spr. 8,6)

Oder:

Mein Sohn, achte auf meine Worte, neige dein Ohr zu meinen Reden! (Spr. 4,20)

Missverständnis 3: Weisheit erlangt man mit dem Verstand

Der wohl krasseste Widerspruch zum westlichen Verständnis von Weisheit ist der Fakt, dass die Weisheit in den Sprüchen mit der Furcht des Herrn beginnt:

Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis (Spr 1,7)

Beim Buch Prediger stand diese Wahrheit erst ganz am Schluss. Das lässt den - wie ich denke falschen - Schluss zu, dass es bloss eine Randnotiz, ein Zusatz war. Doch bei den Sprüchen zieht sie sich durch das ganze Buch hindurch. Die Hälfte der Kapitel erwähnen die “Furcht des Herrn” explizit.

In unserer westlichen Kultur verstehen wir Weisheit so, dass sie nur vom Verstand her kommen kann. Mindestens seit der Aufklärung ist der Verstand die Wurzel, woraus die Weisheit wächst (nur die Atheisten glauben nicht an den Verstand, weil er keine Atome hat). Den Verstand infrage zu stellen heisst, das Fundament unseres Lebens infrage zu stellen.

Doch die Sprüche warnen explizit davor, dem eigenen Verstand allzu sehr zu vertrauen:

Vertraue auf den HERRN von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand; erkenne Ihn auf allen deinen Wegen, so wird Er deine Pfade ebnen. Halte dich nicht selbst für weise. (Spr 3,5a)

Wieso ist das so? Weil es eben zwei verschiedene Weisheiten gibt, die weltliche Weisheit und die göttliche Weisheit. Und sie sind schwer voneinander zu unterscheiden. Die Schlange tischte Adam und Eva die weltliche Weisheit auf und sie merkten es nicht. Ebenso wenig können wir die beiden Arten von Weisheit voneinander trennen, es sei denn, wir fangen das Ganze mit der Furcht des Herrn an:

Mancher Weg erscheint dem Menschen richtig, aber sein Ende führt doch zum Tod. (Spr 16,25)

Es ist ja auch logisch, dass wir die Weisheit bei Gott suchen sollen, da er die Welt und ihre Gesetze erschaffen hat. Zudem ist Jesus die personifizierte Weisheit. Er gibt die Weisheit gerne, aber man soll darum bitten. Nochmals aus Jakobus, dem “Buch der Sprüche im Neuen Testament”:

Wenn es aber jemand unter euch an Weisheit mangelt, so erbitte er sie von Gott, der allen gern und ohne Vorwurf gibt, so wird sie ihm gegeben werden. (Jak 1,5)

Missverständnis 4: Weisheit hat nichts mit Lebensführung zu tun

Eine weitere falsche Vorstellung, die ich in mir merke, wenn ich das Thema nicht von der Bibel her angehe: Ich betrachte Weisheit als eine Sache für sich. Als losgelöst von meiner Lebensführung. Etwas, was ich erlangen kann einfach durch Nachdenken.

Dass mir die Weisheit versperrt wäre, wenn ich mein Leben verkehrt führe, darauf komme ich gar nicht. Im Gegenteil, es scheint mir im westlichen Denken geradezu sinnvoll, mich auf Experimente und sündige Eskapaden einzulassen, um mehr Lebenserfahrung zu erlangen und so zu mehr Weisheit zu kommen.

In den Sprüchen wird Weisheit aber sehr eng verwoben mit Lebensführung. So eng, dass es fast nicht auseinanderzuhalten ist. Das war für mich das Überraschendste an der Lektüre der Sprüche. Die Furcht des Herrn war mir klar, aber dass Lebensführung so eng mit Weisheit verknüpft ist, war mir nicht bewusst.

Dies kam daher, dass ich “Furcht des Herrn” nicht richtig verstand. Ich verstand darin eher eine betende Haltung. Eine Ehrfurcht vor Gott. Und das ist es auch, aber nicht nur:

Die Furcht des HERRN bedeutet, das Böse zu hassen; Stolz und Übermut, den Weg des Bösen und einen verkehrten Mund hasse ich. (Spr 8,13)

Das Böse, so erklären es die Sprüche immer wieder, verdirbt unser Denken. Sodass wir danach nicht mehr fähig sind, die Weisheit zu erkennen.

Die ersten neun Kapitel der Sprüche sind die Einleitung zu den restlichen Kapiteln. Darin wird die Furcht des Herrn beschrieben, wie die Weisheit auf den Strassen ruft und alle, die sie hören können, Erkenntnis erlangen. Und in diesen neun Kapiteln sind ganze drei Kapitel (Kapitel 5, 6 und 7) darauf verwendet, vor der Unzucht zu warnen. Die Unzucht wird personifiziert von der “fremden Frau”, die auf der Gasse wartet, auf einen unerfahrenen, unzufriedenen Mann, ihn verführt und sein Leben auf eine schiefe Bahn bringt, von der er nicht mehr ins gesunde Leben zurückfindet. In der Geschichte übernimmt die Frau die aktive Rolle der Verführerin. Sie will den Mann vom rechten Weg abbringen und sein Leben zerstören («sie hat viele verwundet und zu Fall gebracht, und gewaltig ist die Zahl derer, die sie getötet hat», Spr 7,26). Damit kann nur der Teufel selbst gemeint sein, und somit steht die Unzucht-Geschichte nur als Beispiel für die Art und Weise, wie der Teufel denen auflauert, die das Leben mal etwas ausprobieren wollen, da sie Gott nicht fürchten und die Konsequenz der Sünde nicht kennen. Sie werden daher Unverständige genannt, da sie nicht verstehen, dass Sünde nicht etwas ist, was man tun kann, sich danach waschen kann und wieder so ist wie zuvor.

Nein, Sünde verdirbt die Sicht auf die Welt, sie macht die Augen dunkel, sodass man die Wahrheit nicht mehr von der Lüge unterscheiden kann, sie verdirbt die Sinne.

Der Zusammenhang von Lebensführung und Weisheit wird zudem ein paar Kapitel vor der Unzucht-Geschichte explizit erwähnt:

Mein Sohn, wenn du meine Worte annimmst und meine Gebote bei dir bewahrst … dann wirst du die Furcht des HERRN verstehen und die Erkenntnis Gottes erlangen … Dann wirst du Gerechtigkeit und Recht verstehen, Aufrichtigkeit und jeden guten Weg. … Wenn die Weisheit in dein Herz kommen wird und die Erkenntnis deiner Seele gefällt, dann wird Besonnenheit dich beschirmen, Einsicht wird dich behüten, um dich zu erretten von dem Weg des Bösen, von dem Menschen, der Verkehrtes spricht. (Spr 2,1+5+9-12

Hier wird klar, dass die Furcht des Herrn, das befolgen der Gebote (=Lebensführung) und das Erlangen von Weisheit zusammen verwoben sind. Klar ist, dass man nicht eines der dreien auslassen kann.

Zudem: Die Kapitel 10-31 besprechen fast nur noch die Lebensführung und machen daher deutlich, dass Weisheit sehr sehr viel mit Lebensführung zu tun hat.

Missverständnis 5: Weisheit erlange ich im Selbststudium

Zum letzten Missverständnis: Als Kind der westlichen Kultur verstehe ich Weisheit als etwas, was ich aus Büchern lerne. Ich verbringe einen beträchtlichen Teil meines Lebens mit Lesen, und das Ziel davon ist das Vermehren der Weisheit.

In den Sprüchen aber ist das Setting ein ganz anderes: Ein Vater spricht zu seinem Sohn und ermahnt ihn, sein Leben weise anzugehen. Die ganze Einleitung (neun Kapitel lang) währt dieses Setting. Und auch danach ist oft die Rede von Ratgebern, von den wahren Freunden, welche auch unangenehmen Rat geben.

In diesem Punkt wurde ich durch die Sprüche am direktesten herausgefordert: Bin ich der Vater, der sich Zeit nimmt, seinen Kindern die Dinge zu erklären, von denen in den Sprüchen die Rede ist? Suche ich Rat bei meinen Eltern, bei Freunden? Höre ich zu, wenn mir jemand Rat gibt? Ich merke, dass mich das herausfordert. Bücher sind viel angenehmer: Ich kann sie zuklappen, wenn sie mir nicht gefallen. Ich kann Unangenehmes überlesen. Doch ein Freund, der mich anspricht, dem muss ich Antwort geben. Das geht unangenehm nahe. Und ja, das Risiko ist grösser, denn ich laufe Gefahr, verletzt zu werden.

Doch ich merke, dass auch Jesus genauso war. Er kam als Rabbi auf die Welt, nicht als Autor. Er ist sozusagen die Inkarnation des Buches der Sprüche. Er kam, um vor Sünde zu warnen, um die Gottesfurcht zu predigen. Er wies die falsche Weisheit der Pharisäer zurecht und predigte in der Bergpredigt, wie die richtige Weisheit aussieht. Und danach hat er die Jünger ausgesandt, damit sie andere Jünger “lehren, zu halten alles, was ich euch befohlen habe”. Er hat sie nicht ausgesandt zum Bücherschreiben, sondern zu ermahnen und zu ermutigen.

Und das, glaubt mir, klingt in meinen Ohren sehr herausfordernd.

Beitrag von meiner Frau Irene

Oh, dass die vergnügungssüchtigen Männer und Frauen der Welt nur die wahre Freude derer schmecken und fühlen könnten, die den wahren Gott kennen und lieben - ein Gut, das die Welt … ihnen nicht geben kann, das aber die ärmsten und bescheidensten Nachfolger Jesu erben und geniessen!
(Aus: John G. Paton: Missionary to the New Hebredes, An Autobiography)

Nachdem mein Mann und ich nun so viele Artikel geschrieben haben über “Die Welt aufgeben”, “Genügsam sein”, “Besitz verkaufen”, “Nicht mehr für sich selber leben”, “Geld spenden, anstatt für sich zu brauchen”, bleibt eine wichtige Frage zu beantworten: Wenn wir so viel aufgeben und die Freude nicht aus Dingen der Welt holen, woher kommt denn unsere Freude?

Denn wenn wir einfach Dinge aufgeben, die uns Freude gemacht haben, ohne etwas Besseres gefunden zu haben, werden wir gesetzlich, lieb- und freudlos. Und nach einer gewissen Zeit werden wir uns mit doppelter Hingabe erneut der Welt zuwenden.

Wenn ich mich recht erinnere, beantworte ich diese Frage eigentlich in jedem Artikel. Ich schreibe darüber, dass Jesus unser Schatz ist, dass Er herrlich ist, dass Er genügt. Ich zitiere Paulus, der sagt, dass Jesus zu kennen etwas unüberbietbar Grosses ist, dass der Gewinn, nachdem er strebt, Christus ist und dass Christus sein Leben ist (alles aus dem Philipperbrief). Aber was heisst das eigentlich genau?

Deshalb finde ich es wichtig, hier einmal einen ganzen Artikel diesem Thema zu widmen. Ich werde also aus meinem Leben erzählen, wie Gott mir seine Liebe zu mir und seine Existenz immer wieder sichtbar und real macht.

Und mein Erleben ist keineswegs nur etwas für Charismatiker oder Pfingstler. Das Erleben von Gottes Nähe und Liebe und das Empfinden von Liebe zu ihm sind Dinge, die absolut essenziell sind. Ja, ich gehe soweit zu sagen, dass man nicht als Christ leben kann, ohne diese Erlebnisse mit Gott zu haben, ohne etwas von ihm wahrzunehmen, das unsere Herzen zu ihm zieht und uns in aller Realität zeigt, dass Christus zu kennen herrlicher ist als alles, was die Welt zu bieten hat. Wie sonst könnten Christen bereit sein, für Jesus zu leiden? Wie sonst könnte jemand im Angesicht des Todes bei Gott bleiben und sich nicht von ihm lossagen? Wie sonst kann jemand Geld, Besitz und Ansehen aufgeben und glücklicher sein als vorher?

In allen Büchern und Geschichten von Missionaren oder anderen Christen, die ihr Leben ganz für Gott gelebt haben, findet man Zeugnisse davon. Es gibt buchstäblich keinen Christen, der sein Leben für Gott hingegeben hat und nicht Gottes Nähe, seine Liebe und seine Versorgung ganz real erlebt. Und ich würde sagen, Paulus ist das beste Beispiel dafür.

Ich habe ja in meiner Bekehrungsgeschichte beschrieben, wie ich Gott viele Jahre versucht hatte zu dienen, ohne etwas in meinem Herzen für ihn zu spüren. Keine Liebe zu ihm und keine Liebe von ihm zu mir. Weiter habe ich beschrieben, wie ich zu ihm geschrien habe, dass ich ihn finden kann. Und wie er mein Gebet erhört hat. Von dem Buch, in dem genau solche Erlebnisse beschrieben waren, von denen ich in diesem Artikel sprechen will.

Gott hat mir also genau das gezeigt: Dass man ihn wahrnehmen kann, dass man seine Liebe spüren kann und tiefe Liebe zu ihm empfinden kann. Natürlich betete ich von da an darum, dass ich diese Liebe auch spüren kann. Und Gott erhörte mein Gebet.

Ich bin der Überzeugung, dass die Fähigkeit, Gottes Herrlichkeit zu erkennen, einem bei der Wiedergeburt geschenkt wird und dass ohne diese Fähigkeit Christsein nicht möglich ist. Ganz ehrlich: Warum würde jemand - noch dazu jemand in unserem reichen Land, der gesund ist und alles im Überfluss hat - sich für Gott entscheiden, wenn er nicht erkannt hat (und damit meine ich: In seinem Herzen gespürt hat), dass Jesus herrlicher ist als alles, was er in der Welt kennt? Dass diese Liebe, die Gott ihm gibt, die beste, reinste und vollkommenste Liebe ist und alles übertrifft, was er in der Welt an Liebe erfahren oder sich danach gesehnt hat?

Ich glaube, dass ich genau deshalb, weil ich Gottes Liebe nicht erfahren hatte, früher immer das Gefühl hatte, ich müsse andere dazu überreden, Christ zu werden. Schliesslich mussten sie so vieles aufgeben, das ich als attraktiv empfand. Denn ich hatte die Realität von Gottes Herrlichkeit nicht erkannt.

Erst diese Erkenntnis, d.h. dieses Erfahren, macht uns fähig, uns Gott ganz hinzugeben. Erst dieses Erfahren macht uns bereit, eigene Wünsche aufzugeben, Unannehmlichkeiten auf uns zu nehmen, in die Mission zu gehen oder sogar für ihn zu sterben.

Also, genug der Theorie.

Ich glaube, wo ich Gottes Gegenwart als Erstes spürte, war im Gebet. Nachdem das vorher nie passiert war, wurde mein Herz plötzlich während des Gebets immer wieder von Gottes Herrlichkeit erfasst. Meist nicht grad am Anfang, aber nach einer Weile. Es ist wie ein Ziehen im Herz, ein Gefühl, dass Gott herrlich ist. Manchmal geschah es auch, dass Gott mich zum Beten drängte. Es überkam mich einfach ein inneres Drängen, wie eine Mischung aus Erkennen von Gottes Herrlichkeit und der Überzeugung, dass ich jetzt für jemand beten soll.

Ein solches Erlebnis ist mir noch sehr gut in Erinnerung. Einige Zeit vorher hatte meine Mutter mir erzählt, dass meine Cousine, die in eine christliche Gemeinde ging, ihren Ehemann verlassen hatte, wegen jemand anderem. Ich war erschüttert über diese Tatsache. Einige Wochen später war ich in der Küche am abwaschen und dachte an nichts Besonderes. Da überkam mich plötzlich ein tiefes Mitgefühl mit meiner Cousine. Ich weinte und betete für sie, dass sie Gottes Herrlichkeit erkennen kann und dass ihre Ehe wieder ganz wird.

Nachdem wir erkannt hatten, dass man Gottes Gegenwart spüren kann, fingen mein Mann und ich an, Anbetungsmusik zu hören und konnten Gott zum ersten Mal mit Liedern anbeten. Wir spürten während des Singens regelmässig Liebe zu Gott. Ja, wir erkannten immer wieder in der Anbetung, dass Gott herrlich und anbetungswürdig ist. Wir trafen uns eine Zeit lang häufig mit einem anderen Paar zur Anbetung und es geschah immer wieder, dass wir gegen Ende eines Liedes einfach weiter improvisierten, mit Worten, die uns in den Sinn kamen. Wir sangen z.B. “Jesus, du bist herrlich” oder “Du bist für unsere Sünden gestorben”. Wenn das Lied fertig war, war es ganz still und wir schauten einander an und spürten, dass Gott da ist.

Etwas “charismatischere” Erlebnisse sind die folgenden zwei:

Mit dem erwähnten Paar beteten wir nicht nur an, wir beteten auch füreinander und bauten Zeiten ein, in denen wir still wurden und “hörten”, ob Gott uns etwas sagte. Ich hörte leider nie etwas (bis heute spricht Gott nicht durch Bilder oder Worte zu mir, zu anderen aber schon). Einmal machten wir einen Versuch: Wir machten Kärtchen mit unseren Namen drauf und hörten nacheinander für alle, allerdings verdeckt, d.h. ohne zu wissen, für wen wir gerade hörten. Ich hörte wieder einmal nichts und musste zudem das Zimmer verlassen, um nach unserem damals etwa eineinhalbjährigen Sohn zu schauen. Ich war bitter enttäuscht. Das Paar musste gehen, bevor ich wieder ins Zimmer kam. Ich fragte meinen Mann: “Und, habt ihr was gehört?” Was war seine Antwort? “Ja, wir haben alle drei etwas für dich gehört - vielmehr gesehen”: Alle drei hatten unabhängig voneinander Bilder gesehen, die mit Frühling zu tun hatten. Jemand ein junges Pflänzlein, jemand sah eine Geige und hörte Vivaldis “Frühling” spielen, jemand sah Pflanzen und eine kleine Schaufel, ausserdem ein üppig blühendes Rapsfeld. Jemandem kam noch die Bibelstelle in den Sinn: “Ich weiss wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.” (Jer. 29,11)

Das passierte in der Anfangszeit, als ich noch sehr unsicher war und viele Zweifel hatte, ob Gott sich mir wirklich zeigt und ob ich wirklich im Glauben wachsen kann. Es war absolut ermutigend! Auch später hat Gott mir (durch andere) noch zweimal gezeigt, dass jetzt der Frühling anfängt bei mir, d.h. dass etwas am Wachsen ist, bzw. dass eine Knospe am Aufgehen ist. Das gab mir sehr viel Hoffnung, dass Gott etwas mit meinem Leben vorhat, auch wenn es nicht so schnell vorwärtsging, wie ich mir das vorstellte.

Das zweite “charismatische” Erlebnis ist ein Traum, den ich vor 12 Jahren hatte. Ich habe immer mal wieder einen Traum, von dem ich ziemlich sicher bin, dass er von Gott ist. Nicht sehr häufig, aber ab und zu.

In diesem Traum geschah Folgendes: Es lag ein Mann in DHL-Uniform auf der Strasse. Er war verletzt. Ich ging zuerst mehrmals an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Dann ging ich zu ihm hin, kniete mich neben ihn und fragte, ob ich ihm helfen könne. Er sagte: Nein, es sei alles gut, er bleibe noch ein wenig liegen, dann gehe er weiter. Aber ich sah, dass er verletzt war und glaubte sogar, Blutspuren an seinem Mund zu sehen.

Da fühlte ich ein unglaubliches Mitleid mit ihm - eher “Mitleidenschaft” - so, wie es bei Jesus einmal beschrieben ist, dass es ihm die Eingeweide umdreht. Es war so stark, wie ich es noch nie erlebt habe. Es kam nicht aus mir selber, es war, wie wenn Gott mir sein Mitleiden mit den Menschen zeigen würde. Ich küsste daraufhin den Mann mehrmals auf die Stirn und flehte ihn an, dass er mich helfen lasse. Aber er lehnte ab. Schliesslich sagte ich voller Inbrunst zu ihm: “Gott segne dein Leben!” und ging.

Dieses Gefühl von Mitleid und Barmherzigkeit hielt den ganzen nächsten Tag an. Es war so stark, dass es alles andere ausblendete. Schliesslich konnte ich nicht anders, als Gott zu sagen: “Hier bin ich, sende mich! Ich will so den Menschen dienen, in dieser Liebe (das ist die Liebe von Jesus!). Ich will von dir benutzt werden, damit Menschen durch diese Liebe geheilt werden.”

Bis heute kommt mir der Traum immer wieder in den Sinn. Ich weiss immer noch nicht die ganze Bedeutung davon (warum war z.B. der Mann nicht an meiner Hilfe interessiert?). Aber der Wunsch, den Menschen mit der Barmherzigkeit Jesu Heilung zu bringen, den Verlorenen (die nicht mal wissen, dass sie verloren sind), das Evangelium zu bringen, ist geblieben und sogar stärker geworden.

Ein anderes Erlebnis geschah, als ich eines Abends im Bett lag und nicht einschlafen konnte. Ich fing an zu beten und Gottes Herrlichkeit kam über mich und ich lag etwa eine Stunde so da in Gottes Gegenwart und betete und genoss seine Nähe. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich mitten in der Nacht aufgewacht bin und wunderbar beten konnte. Gott und ich waren ganz allein zusammen in der stillen Nacht.

Ein anderes Mal (vor etwa eineinhalb Jahren) hatte ich grosse Zweifel, ob wir mit unserem Leben überhaupt vor Gott bestehen können. Unser ganzer Alltag fühlte sich so nichtig an, so umsonst. Ich hatte das Gefühl, nicht vorwärtszukommen.

Am Abend im Bett fühlte ich Gottes Frieden, weil wir in seinem Willen wandeln und nicht mehr für uns selbst leben wollen. Ich sagte Gott mehrmals: “Ich will nur für dich leben und bereit sein, für dich zu sterben.”

In der Nacht hatte ich (seit Langem wieder einmal) einen Traum:

Ich war in einer Schule und der Lehrer sagte die Prüfungsnoten von mehreren Prüfungen von jedem Schüler, während alle im Halbkreis standen und zuhörten.

Ich hatte Angst, eine oder mehrere ungenügende Noten zu haben und nicht zu bestehen. Da las der Lehrer eine Note von mir vor. Es war eine 6 (zum Verständnis für die deutschen Leser: Das ist in der Schweiz die Bestnote!). Ich war erleichtert. Dann kam eine Deutschprüfung und ich hatte die Note 6½ und bei der nächsten Prüfung (Mathematik) ebenfalls 6½! Ich lachte auf - ungläubig - und sagte: “6½ gibt es ja gar nicht!”

Aber beide Prüfungen - ich schaute sie an - waren makellos. Musterprüfungen. Bei der Deutschprüfung war ein rotes Raster, das perfekt ausgefüllt war. Auch die Matheprüfung war sauber und wunderschön geschrieben und ohne auch nur den kleinsten Fehler - halt eben makellos. Die Note 6½ schien die “Makellos-Note” zu sein.

Es war irgendwie klar, dass es meine Prüfung war, aber gleichzeitig war es nicht meine Schrift oder Perfektion - es war wie etwas Neues für mich, das ich noch nicht gesehen hatte.

Ich rief: “Danke Gott, danke, danke!” Und sprang fröhlich herum.

Es ist, wie wenn Gott mir durch diesen Traum sagen würde: Dein Herzenswunsch, nur für mich zu leben, ist angenommen. Er ist in meinen Augen makellos. Er könnte nicht perfekter sein. Ja, Gott sagt zu mir: Du hast die Prüfung bestanden. Zwar eigentlich nicht ich selber, sondern so, wie wenn Jesus die Prüfung geschrieben hätte. So ist es ja auch. Nicht ich bin makellos, sondern ich bin es durch Jesu Tod und Auferstehung. Mein Wunsch, nur noch für Gott zu leben, ist zwar mein grösster Herzenswunsch, aber er kommt nicht von mir, sondern von Gott.

Ist das nicht ein unglaublicher Liebesbeweis von Gott? Es macht meinen Wunsch, nur noch für Ihn zu leben, noch grösser!

Noch ein letztes Erlebnis möchte ich aufschreiben (wenn man mal anfängt, kann man fast nicht mehr aufhören…):

Dieses Erlebnis ist schon einige Jahre her. Ich muss vorausschicken, dass ich zu den Menschen gehöre, die sich viel Sorgen machen und die sich immer mal wieder fragen, ob sie nicht vielleicht eine tödliche Krankheit haben und bald ihr letztes Stündlein geschlagen hat. Immer wieder habe ich Phasen mit körperlichen Stresssymptomen, und wenn die ein gewisses Mass annehmen, kriege ich schon mal Angst, dass es nicht nur Stresssymptome sind, sondern eine tödliche Krankheit. Je nachdem, ob das Herz betroffen ist oder ich Kopfschmerzen habe, kommen mir dann “Herzinfarkt” oder “Hirntumor” in den Sinn.

Eines Nachts erwachte ich also mit solchen Symptomen. Da überkam mich eine richtige Todesangst. Ich war wie gelähmt davon. Sie füllte alles aus. Ich schrie innerlich zu Gott um Hilfe. Da konnte ich plötzlich der Angst ins Gesicht sehen und sagen: “Also gut. Wenn ich sterbe, dann sterbe ich eben. Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn! Der Tod kann mich nicht trennen von Jesus!”

Da ging die Angst weg. Sie musste weichen. Es war, wie wenn ihr Bann gebrochen würde. Und ich erkannte (fühlte!), dass Jesu Herrlichkeit sogar in Todesangst real ist und stärker ist als die Angst. Das hat meinen Glauben sehr gestärkt!

Die hier erwähnten Geschichten sind nicht mal ein Zehntel von dem, was ich mit Gott erlebt habe. Ich könnte eine ganze zehnteilige Beitragsreihe mit solchen Erlebnissen füllen. Das werde ich zwar nicht tun, aber sie zeigen hoffentlich, dass die Herrlichkeit Jesu für mich absolut real ist und dass seine Liebe erfahrbar ist und nicht einfach eine Theorie, die wir glauben müssen, ohne etwas davon zu spüren.

Und ich hoffe, dass dadurch klar wird, dass wir in Christus wirklich etwas Besseres gefunden haben als die Welt und dass wir Dinge der Welt nur aufzugeben bereit sind, weil wir den Schatz gefunden haben.

Ich schliesse diesen Artikel mit einem weiteren Zitat von John Paton, dessen Leben als Missionar unter Kannibalen oft bedroht war und der gerade in diesen Momenten die Herrlichkeit Gottes am meisten erfuhr:

Ohne dieses beständige Bewusstsein der Gegenwart und Macht meines lieben Herrn und Erlösers hätte mich nichts in der Welt davor bewahren können, den Verstand zu verlieren und elendig zu vergehen. Seine Worte “Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende” wurden mir so real, dass es mich nicht erschreckt hätte, wenn ich Ihn, wie Stephanus, auf die Szene herabblicken sehen hätte. Ich fühlte Seine stützende Kraft … Den engsten und liebsten Eindruck vom Gesicht und Lächeln meines gesegneten Herrn hatte ich in jenen schrecklichen Momenten, als Muskete, Keule oder Speer auf mein Leben gerichtet waren. Oh, welche Glückseligkeit trifft den, der lebt und die Leiden dadurch erträgt, indem er auf den sieht, “der unsichtbar ist”!

Folge 15 von “Lesenswichtig”, einer Liste von christlichen Artikeln, die mich diese Woche bewegt haben.

Eiskönigin - eine Kritik von Disney an Disney?

Gernot Zeilinger alias “Theo-Tektiv” ist ein Youtuber, der populäre Kinofilme aus christlicher Sicht bewertet. Dabei gelingt es ihm, die Philosophien, die sie vermitteln, kritisch zu hinterfragen statt einfach abzunicken. Zum Schluss spannt er jeweils den Bogen zum Christentum, zu einer sehr klaren, direkten Botschaft des Kreuzes, und das auf eine erfrischend inoffensive, unverstaubte Weise. Seine Videos kann ich empfehlen, zumal Film-Kritiken ein guter Weg sind, um Gesellschaftskritik zu verüben oder zu zeigen, welche christliche Werte man in Filmen erkennen kann.

Vergangene Woche hat er den Disney-Film “Frozen” (Die Eiskönigin) unter die Lupe genommen, hier ein Auszug:

Das Konzept von romantischer Liebe, das wir sonst in Disney kommuniziert sehen, wird hier komplett revolutioniert. Nämlich es ist nicht der Traumprinz, der sie rettet, sondern es ist die Freundschaftsliebe, der Familienbund zwischen Anna und Elsa … Und dadurch ist der Film auf eine interessante Art und Weise erfrischend progressiv und erfrischend konservativ:
Progressiv, weil Anna und Elsa als Frauen hier als vollwertige Menschen dargestellt werden … unabhängig, ob sie einen Partner haben … unabhängig ob sie romantische Liebe finden … im Disney-Universum ist das eine erfrischende, neue Botschaft.
Konservativ, weil Elsa und Anna etwas entdecken, was ein stärkerer Bund, eine stärkere Antriebskraft ist als die romantische Liebe: die Familie, ein uralter Bund, der die Basis für aufopferungsvolle, freundliche Liebe bietet. … Elsa erkennt, dass wenn sie ihren Gefühlen freien Lauf lässt, dann wird Liebe unmöglich, weil sie ihre Werte, ihre Selbstliebe über den anderen drüber stellt. Weil sie erkennen muss, dass wahre Liebe, Freundschaft und Hingabe vollkommen ein Horror sind für Authentizität, weil Authentizität sagt: “ich definiere, wer ich bin; ich definiere, wen ich liebe und wie ich liebe”, aber Liebe erfordert meinen Blick auf den andern zu richten … und ist damit auch immer mit Selbstaufgabe verbunden.

Zum Video: Die Eiskönigin: Die ultimative Liebe und eine Disney Disney-Kritik?

Vom Kindergebären und vom Schreiben

Kristin Couch schreibt, was sie beim Schreiben erlebt. Sie schreibt sehr poetisch. Was ihr Ringen um Wörter ist, ist mein Ringen um klare Konzepte und wie ich sie am besten zum Leben erwecke.

Was sie beschrieb, hat mich emotional stark berührt, wie es sonst bei nur wenigen Texten erlebe. Sie vergleicht das Gebären eines Kindes mit dem Schreiben. Ein Auszug, übersetzt so gut es ging aus dem Englischen:

Jede Geschichte wächst in mir, ist geprägt von Unruhe, doch wird sie sicher gehalten, bis sie geboren ist. Ist sie dann draussen in der grossen weiten Welt, bin ich erleichtert und frage mich doch, was mich jemals dazu gebracht hat, sie geboren zu haben.
An jedem Stück hängt eine liebevolle Verbundenheit: die Sehnsucht, dem Leser einen guten Dienst zu erweisen, aber auch das Bedenken, ob die Worte vielleicht das Ziel verfehlt haben.
Jede Geschichte ist so einzigartig wie jedes meiner Kinder, und doch gibt es eine Ähnlichkeit, eine Gemeinsamkeit in der Stimme, so wie jedes meiner Kinder ein Abbild der familiären Ähnlichkeit in sich trägt.

Meine Geschichten entstehen, indem ich auf winzige Details achte; Fäden ziehe und miteinander verwebe; Gesprächsfetzen; das Betrachten der freien Natur; das Hören einer Wortfolge, die eine Erinnerung auslöst; das Aufspüren des Guten in den harten Ritzen des Lebens. Ich führe ein Notizbuch mit Dingen, die ich sehe, und Wörtern, die tanzen, und Geschichten, an die ich mich erinnere, in der Hoffnung, dass ich sie irgendwann zusammenmischen kann, um etwas in meinem Leser zu wecken.

Zum Artikel: On Writing

Paralleluniversen

Dr. Gerrit Hohage beginnt seinen Artikel so:

Ich bin ein alter „Trekkie“. Ich habe „Raumschiff Enterprise“, „Star Trek: Next Generation“ und „Deep Space 9“ von Kindesbeinen an gefeiert. In manchen Folgen kommt ein „Paralleluniversum“ vor – eine fast astrophilosophisch anmutende Idee, nach der es nicht nur eines (nämlich unseres), sondern eine unendliche Zahl von Universen gibt, die fortwährend dadurch entstehen, dass bei jedem quantenmechanischen Vorgang (Entscheidungsprozess) mit mehreren Ausgangsmöglichkeiten jede dieser Möglichkeiten auch eintritt und sich dabei jeweils eine eigene alternative Realität in einem Paralleluniversum bildet.

Und stellt fest, dass unsere Welt (sowie die Gesellschaft wie auch die Welt des Christentums) genauso in verschiedene Universen unterteilt ist, die sich so sehr voneinander entfernt haben, dass sie nicht mehr miteinander kommunizieren können:

Viele Gigabytes an Internet-Diskussionen und Myriaden Gigaflops an Rechen- und an Lebenszeit gehen dabei verloren, genau diese Problemlage dadurch zu lösen, dass einer versucht, den anderen von der Gültigkeit seiner eigenen Anschauung zu überzeugen. Die meisten dieser Versuche (auch der verunglückten!) sind, wie ich glaube, von der ernsthaften Hoffnung getragen, dass der andere anfängt, so zu denken wie ich und dadurch die gemeinsame Wahrheit und die gemeinsame Sprache wiedergewonnen werden kann – und viel Frustration, Enttäuschung und Wut entsteht an der nachhaltigen Erfolglosigkeit dieser Versuche. Ich bin inzwischen der Überzeugung, dass diese Versuche gar nicht mehr erfolgreich sein können, weil wir im Bewusstsein unserer Gesprächspartner kein ausserhalb unserer eigenen Subjektivität liegendes Kriterium mehr anbieten können, um zu entscheiden, welche der vielen Wahrheiten unserer Welt wirklich wahr sind.

Er empfiehlt daher, die Welten so stehen zu lassen. Jesus ist in jedem dieser Universen präsent, daher ist es sinnvoller, Jesus zu verkündigen, als andere von der eigenen Weltsicht zu überzeugen:

Jesus Christus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, er wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern er wird das Licht des Lebens haben“ (Johannes 8,12). Jesus sagt nicht: Das Licht deiner oder seiner Welt, sondern der Welt – das Licht des Multiversums. Ich glaube, dass Jesus in jedem dieser Paralleluniversen irgendwie gegenwärtig ist. Das befreit mich von dem Druck, meine Gesprächspartner erst aus seinem Universum in mein Universum „entführen“ zu müssen, um ihnen Jesus zeigen zu können.

Ein spannender Artikel, hat mich gerade wegen dem “Raumschiff Enterprise”-Bezug angesprochen.

Zum Artikel: Paralleluniversen

Stott on the Christian Life

Letzten Dienstag wäre John Stott hundert Jahre alt geworden. In der vergangenen Woche habe ich viele Artikel über Stott gelesen, am meisten bewegt hat mich ein Bericht von Ron Kubsch:

So wie Tim Chester (vgl. S. 11) bin auch ich als junger Mann John Stott mehrfach begegnet. Einmal habe ich ihn am Flughafen in Frankfurt am Main mit dem Auto abgeholt und ihn zusammen mit Alfred Kuen und einem anderen Theologen, dessen Namen ich vergessen habe, zu einer FEET-Tagung gebracht. Während der Gespräche im Auto hat mich Stotts Weisheit und Klarheit so gefesselt, dass ich mich verfahren hatte. So konnte ich länger als geplant zuhören und mitstottern. Als Praktikant war ich damals dafür zuständig, die Konferenzvorträge auf Magnetband aufzunehmen. Eines Tages kam John Stott bei mir vorbei, bedankte sich noch einmal für meinen Chauffeurdienst und verwickelte mich in ein kurzes Gespräch über mein eigenes Leben. Mir erging es exakt so wie Tim Chester: „Diese kurze Begegnung machte einen grossen Eindruck auf mich. Stott […] hatte einen unbeholfen aussehenden Teenager gesehen, der allein stand, und er hatte es auf sich genommen, dem jungen Mann das Gefühl zu geben, willkommen zu sein“ (S. 11). Falls mich meine Erinnerung nicht täuscht, war Stott der einzige Konferenzteilnehmer, der sich für mich interessierte.

Dieser Auszug ist erst ganz am Schluss des Artikels. Im Artikel selbst gibt Ron Kubsch einen guten Überblick über Stotts Lebenswerk (das mir immer noch neu ist, aus irgendwelchen Gründen ist mir der Name John Stott erst seit Kurzem ein Begriff…)

Zum Artikel: Stott on the Christian Life - Rezension von Ron Kubsch

Sich kommentarlos mit der Bibel auseinandersetzen

Sergej Pauli ruft dazu auf, sich selbst mit der Bibel auseinanderzusetzen, ohne sich zuerst bei Expertenmeinungen abzusichern. Ein paar Auszüge:

Ich den­ke, das man heu­te über Her­me­neu­tik so reden kann, dass der Ein­druck ent­steht, dass es eigent­lich kaum mög­lich ist, die Bibel zu ver­ste­hen, und dass man zunächst unzäh­li­ge her­me­neu­ti­sche Werk­zeu­ge beherr­schen muss, in die Kul­tur­ge­schich­te zu inves­tie­ren hat und eigent­lich so wie­so immer auf Exper­ten ange­wie­sen ist.

Mich zumin­dest bewegt und ver­än­dert die­ses The­ma wie kein zwei­tes. Im Grun­de ist es gar Grund­la­ge mei­ner gan­zen Blog­ger­tä­tig­keit aber reicht noch viel wei­ter: So haben wir als Fami­lie zuneh­mend Andachts­bü­cher redu­ziert und lesen direkt die Bibli­schen Geschich­ten. Es ent­ste­hen dann so häu­fig lebens­ver­än­dern­de Gesprä­che, dass wir vor dem Segen des Herrn nahe­zu erschla­gen sind.

Ich den­ke, das The­ma ist heu­te auch im Evan­ge­li­ka­lis­mus unter Beschuss. Zu vie­le bau­en auf die Pri­vat­mei­nun­gen von Exper­ten. … Dass die Schrift klar ist, ist für mich auch eine Ermu­ti­gung, sich ein­deu­tig fest­zu­le­gen. Das oder jenes darf das sein, was wir gele­sen haben und es bedeu­tet auch. Ist die Bibel klar, kann ich sie auch ver­ste­hen und Lehr­aus­sa­gen klar for­mu­lie­ren. Wohl­ge­merkt kann bei mir als sün­di­gem Emp­fän­ger der Bot­schaft ein “Rau­schen drauf” sein. Aber sich auf­grund der Klar­heit der Schrift und nicht auf­grund eige­ner Exper­ti­se fest­zu­le­gen, bedeu­tet eben gera­de, dass man ver­bes­ser­bar und kor­ri­gier­bar bleibt.

Zum Artikel: A Clear and Present Word - Ein Plädoyer für die Klarheit der Schrift von Mark D. Thompson

Ich bin nun seit mehr als zwanzig Jahre Christ, und meine Gebete sind noch immer erbärmlich. “Herr, lehre mich beten”, ist ein häufiges Gebet von mir. Mein Unvermögen ist mir stets peinlich vor Augen.

Meine Strategie war jeweils, mit Gott anzufangen statt mit meinen eigenen Gedanken. Denn wenn ich das nicht tue, verbringe ich meine Gebetszeit mit Nachdenken über mein eigenes Leben; mit Philosophieren, oder führe imaginären Streitgesprächen mit den Leuten, welche mich erst gerade aufgeregt haben und mit denen ich nicht einverstanden bin.

“Mit Gottes Wort beginnen” war stets ein Segen für mein Gebet. Und doch merkte ich, dass ein solches Gebet Gefahr läuft, ein kaltes, abgeschaltetes Aufsagen von Gottes Eigenschaften zu werden.

Das Gebet ist ein Gespräch von zwei Personen: Von mir, abgelenkter, von Sorgen umgetriebener, von der Welt eingelullter Mensch mit dem gerechten, liebenden, allwissenden Gott. Damit diese Konversation lebendig ist, müssen beide Personen zum Zug kommen. Weder bringt es etwas, nur über meine eigene Probleme zu palavern, noch, nur Gottes Eigenschaften aufzusagen.

Ich lese gerade Paul E. Millers Buch “A Praying Life”. Darin beschreibt er, wie wir Gebet angehen sollen: Nach der Art der Kinder, die ohne schöne Anreden direkt zur Sache kommen:

Jesus möchte, dass ohne uns zu verstellen im Gebet zu ihm kommen. Stattdessen versuchen wir oft, etwas zu sein, was wir nicht sind. Wir beginnen damit, uns auf Gott zu konzentrieren, aber fast sofort wandern unsere Gedanken in ein Dutzend verschiedener Richtungen ab. Die Probleme des Tages verdrängen unsere gut gemeinte Entschlossenheit, geistlich zu sein. Wir geben uns einen geistlichen Tritt in den Hintern und versuchen es erneut, aber unsere Geschäftigkeit verdrängt das Gebet. Wir wissen, dass das Gebet nicht so sein sollte, also geben wir verzweifelt auf. Wir könnten genauso gut jetzt den Tag anfangen und etwas erledigen.

Wo liegt das Problem? Wir versuchen, geistlich zu sein, es richtig zu machen. … Wir versuchen, wie Erwachsene, uns selbst in Ordnung zu bringen. Im Gegensatz dazu möchte Jesus, dass wir wie kleine Kinder zu ihm kommen, so wie wir sind. Die Schwierigkeit, so zu kommen, wie wir sind, ist, dass wir unordentlich sind. Und das Gebet macht es noch schlimmer. Wenn wir langsam beten, werden wir sofort damit konfrontiert, wie ungeistlich wir sind, wie schwierig es ist, sich auf Gott zu konzentrieren … Nichts entlarvt unsere Selbstsucht und geistliche Ohnmacht so wie das Gebet.

Und dann zum Schluss ein Zitat, das mich als unkonzentrierter, abschweifender Mensch sehr ermutigt hat:

Jesus sagt nicht: “Kommt alle zu mir, die ihr gelernt habt, euch im Gebet zu konzentrieren, deren Gedanken nicht mehr abschweifen, und ich werde euch Ruhe geben.” Nein, Jesus öffnet seine Arme für seine bedürftigen Kinder und sagt: “Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken” (Mt 11,28). Das Kriterium, um zu Jesus zu kommen, ist Mühseligkeit. Komme überfordert mit deinem Leben. Komme mit deinen wandernden Gedanken. Komme unordentlich.”


Aus Paul E. Millers Buch “A Praying Life: Connecting with God in a Distracting World“. Ich höre mir das Buch gerade als Audiobuch an.

Als Abschluss meiner Reihe über die “Real Life Guys” die Bekehrungsgeschichte von Philipp Mickenbecker.

Was mir an Bekehrungs-Geschichten gefällt: Sie machen Gottes Handeln sichtbar. Im Nachhinein. Durch verschiedene Menschen und Umstände. So war das auch bei mir. Im Moment verstand ich nicht, was gerade mit mir passiert, erst im Nachhinein begriff ich es. Und auch bei mir war es so, dass Gott durch verschiedenste Menschen und Umstände die Bekehrung orchestrierte. Es ist der Moment, wo Gott aus dem Nichts den Glauben eines Menschen formt. Jedes Mal faszinierend.

Nein, es ist nicht so, dass eine Bekehrung die Folge einer einzigen Predigt herauskommt. Oder aus dem Lesen des einen Buches. Ich mag es, wie es Chesterton ausdrückt:

Von einer Weltanschauung überzeugen lässt man sich nicht durch vier Bücher, sondern durch ein Buch, eine Schlacht, eine Landschaft und einen alten Freund.
(Aus Chesterton: Orthodoxie)

So war es auch bei Philipp Mickenbecker…


Die folgenden Zitate sind aus dem Buch “Meine Real Life Story: Und die Sache mit Gott”, zu dem ich hier eine Zusammenfassung/Rezension geschrieben habe.


Philipp war ein “ganz normaler Junge”, der gerne Spass hatte. Bis er Krebs kriegte und sich daraufhin auf die Suche nach Gott begab. Seine Eltern waren Christen. Er wollte gerne an Gott glauben, aber er konnte es nicht.

Da hatte er ein Gespräch mit Anna, einer gleichaltrigen Freundin, die bereits Christ war:

Anna war der Meinung, dass man Gott wirklich erleben kann und dass man seinen Willen erfahren kann. Sie hätte das selbst schon oft erlebt, wenn sie wichtige Entscheidungen treffen musste, sagte sie, und diese Erfahrungen waren auf jeden Fall eine Grundlage für ihren Glauben. Sie redete mit Gott und er redete mit ihr. Vor allem durch die Bibel. Irgendwie hatte ich das ja auch so erlebt. Dass “Zufälle” passieren, wenn man betet, die eben nicht passieren, wenn man nicht betet. Trotzdem glaube ich, dass ich jeden anderen Menschen da nicht wirklich ernst genommen hätte. Aber da ich Annas Familie kannte und wusste, dass ihre Eltern genau zu diesen überdrehten Christen gehören, die mich vom Glauben abhalten, konnte ich nicht verstehen, wie sie trotzdem noch an Gott glauben konnte. Dass es einen liebenden, allmächtigen Gott gibt, der wirklich da ist und mit dem man leben kann. Diese Hoffnung und Zuversicht, die sie ausgestrahlt hat, hat mich wirklich beeindruckt.

Hier schien es mir nicht so, dass jemand durch eine Brille schaut, die blind und traurig macht, den ganzen Spass im Leben ausblendet und die Menschen ein langweiliges Leben leben lässt. Anna schien jemand zu sein, der für ein Vorbild halbwegs passen würde. Ein Vorbild, das ich schon so lange gesucht hatte.

Sie erklärte mir, dass Gott anders denkt als wir. Aber immer grösser. Dass Gottes Wege höher sind als unsere, so steht es doch in der Bibel. Mit jedem Gespräch erweiterte sich mein Denken ein bisschen mehr.

Aber noch immer konnte er nicht an Gott glauben. Denn er hatte jetzt zwar den Glauben von Anna gesehen, doch selbst erlebt hat er Gott noch nicht. Das änderte sich, als er, zum zweiten Mal an Brustkrebs erkrankt, in der Klinik war. Er war sehr schwach und durfte nicht nach draussen gehen. Aber er hielt es in der grauen Klinik nicht mehr aus:

Ich wollte mich etwas bewegen. Am liebsten den Sonnenuntergang vom Berg aus anschauen, wie auch schon in den letzten Tagen. Dazu musste ich nur ein paar Hundert Meter weit gehen. Ich durfte das Krankenhauszimmer eigentlich nicht verlassen, aber das hat diesen Drang, raus in die Freiheit zu gehen, nur noch verstärkt.

[Ich lief einen Hügel hoch], doch nach einer Weile ging mir komplett die Kraft aus. Ich brauchte eine Pause, ich musste mich dringend hinsetzen oder besser noch, hinlegen. In der Nähe sah ich diese Kirche, an der ich schon ein paar Mal vorbeigelaufen war. Erst jetzt entdeckte ich einen kleinen Weg, der zu ihr hoch führte. Irgendwas hat mich da hingezogen.
Aber eine grosse alte Stahltür hat den Weg versperrt. Tja - genau so ging es mir ja auch sonst: als sei da eine undurchdringbare Tür zwischen mir und Gott. So eine Mauer, über die man nicht schauen kann. Es gab wahrscheinlich Menschen, die den Schlüssel zu dieser Tür hatten, und wenn sie erst dahinter waren, konnten sie alles in völliger Klarheit sehen. Dann konnten sie Gott sehen und erleben. Aber ich konnte das eben nicht, genau so wenig, wie ich jetzt durch diese Tür schauen konnte.
Ich habe mich zu diesem Tor geschleppt und daran gerüttelt. Ich hatte auch gar keine andere Wahl, ich fühlte mich so, als könnte ich jeden Moment zusammenbrechen oder sogar einfach tot umfallen, und ich musste mich an irgendwas festhalten. Es sah zwar absolut nicht danach aus, aber das Tor ging auf! Man brauchte gar keinen Schlüssel, das Tor war offen, der Weg war frei!
Ich konnte auf jeden Fall sicher sein, dass ich da allein war. Niemand sonst würde auf die Idee kommen, durch dieses alte Tor hoch zu dieser Kirche zu laufen. Die Kirche selbst war auch tatsächlich abgeschlossen. Aber davor stand eine Bank. Es war draußen schon etwas kühl geworden, aber nicht zu kühl, es war ein schöner Abend. Ich hab mich auf die Bank gelegt und erst mal die Augen zugemacht. Es kam mir nicht unwahrscheinlich vor, dass es jetzt jeden Moment vorbei sein könnte mit mir.

Da lag ich also vor einer Kirche auf der Bank und hab gedacht: Warum kannst du, Gott, nicht mal kurz zu mir sprechen, wenn du das früher doch immer gemacht hast? Warum versteckst du dich so? Bist du nicht derselbe wie vor tausend Jahren?
Und da machte ich die Augen auf. Über mir war der blaue Himmel, bald würde er wieder in den verschiedensten Farben leuchten. Konnte sich Gott mir jetzt nicht zeigen? Einmal diese Wolken beiseiteschieben, diese Tür aufmachen und mir Hallo sagen?
In diesem Moment fiel mein Blick auf den Schriftzug, der direkt über mir, über der Tür von der Kirche angebracht war. Vorher war er mir nicht aufgefallen, obwohl er echt gross und unübersehbar war. In einem Rahmen stand ein Bibelvers: “Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit”. Oder stand da sogar: “Ich bin derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit”?

In diesem Moment fühlte es sich für mich so an, als würde Gott gerade zu mir herunterschauen, mich auf der Bank liegen sehen, meine Frage gehört haben und zu mir sagen: “Hallo, ich hab dich gehört und ja, ich bin immer noch derselbe. Du musst nur mal hinhören, wenn ich mit dir rede. Du musst einfach mal hinschauen, wenn ich mich dir zeige. Du musst mich auch sehen wollen!”
Es war, als ob ein Schleier von meinen Augen weggezogen wurde. Ich musste echt lachen vor Freude und hab zu Gott gesagt, dass es mir wirklich leidtut, dass ich ihn so lange ausgeblendet habe, ihn vielleicht einfach nicht sehen wollte. Das vergesse ich nie. Das war so ein übernatürliches Gefühl. Beschreiben kann ich’s aber auch nicht. Das kann man niemandem erklären, der es nicht selbst erlebt hat. Das ist wie der Geruch von frisch gemähtem Gras, den kann man auch nicht beschreiben, wenn man ihn noch nie gerochen hat. Vielleicht kommen die Schmetterlinge im Bauch, wenn man frisch verliebt ist, diesem Gefühl am nächsten. Das Gefühl unendlicher, bedingungsloser Liebe. So eine Liebe kannte ich bisher nicht. Nein, bei Menschen wird immer eine gewisse Angst mitspielen, nicht mehr geliebt zu werden. Ein Mensch wird einem auch nie hundertprozentige, bedingungslose Liebe entgegenbringen können. Was war das für ein Gott, der mich immer noch liebte, nachdem ich so oft weggelaufen war? Und warum konnte ich diese Liebe auf einmal fühlen?

Zurück im Krankenhaus hatte sich das Gefühl wieder verzogen und Philipp begann an seinem Verstand zu zweifeln. Da sah er, dass ihm jemand, als er weg war, eine Nachricht auf sein Smartphone geschickt hat. Ein Freund, mit dem er schon seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Es war dieses Video:

Dieses Video hatte ihn dann noch ganz überzeugt:

Eins hab ich da nochmals gemerkt: Glaube bleibt eben doch Glaube. Deshalb heisst es auch glauben und nicht wissen. Für mich war es jetzt trotzdem klar. Ich wollte glauben, egal, was kommt. Durch diese ganzen Zufälle, die insgesamt auf einmal Sinn gemacht haben, hatte ich fast das Gefühl, dass es sogar ein bisschen Wissen war und nicht nur Glaube. Ich wollte - und KONNTE - jetzt glauben. Obwohl kein Feuer vom Himmel gefallen war. Noch nicht.

Das mit dem Feuer vom Himmel war eine Sache, die er sich schon lange von Gott gewünscht hatte. Weil Gott könnte doch einfach Feuer vom Himmel regnen lassen und dann würde alles klar sein. Aber Gott handelte nicht so, wie Philipp Mickenbecker es wollte. Er erschuf in ihm den Glauben auf eine andere Art.

Doch Gott, in seiner humorvollen Art, hat das mit dem Feuer vom Himmel dann doch noch wahr gemacht, allerdings erst, nachdem Philipp zum Glauben gekommen war. Dies ging so: Einige Zeit später, als er wieder zu Hause bei seinen Eltern war, hat er zu Gott gebetet und für seine Bekehrung gedankt:

“Danke, dass du da bist und mich hörst und zu mir sprechen kannst. Auch wenn ich manchmal gerne wollte, dass du Feuer vom Himmel fallen lässt, damit ich dich so richtig erkenne, weiss ich jetzt auch so, dass du da bist. Danke, dass ich jetzt an dich glauben kann beziehungsweise, dass dieses Glauben sogar schon irgendwie ein Wissen ist. Danke dafür. Du brauchst jetzt auch kein Feuer mehr vom Himmel fallen lassen, um dich mir zu beweisen. Und ich glaube definitiv, dass du es könntest, wenn du es wolltest.”

Ich kniete also vor meinem Bett, oben in der Dachgeschosswohnung meiner Eltern, draussen war es dunkel und still. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Gott da war, dass er mir gerade zugehört hat und bei mir ist. Ich hatte eine Gänsehaut und wieder dieses Gefühl seiner unendlichen Liebe. Das ist mir seitdem öfters so gegangen, dass ich spüre, ich rede gerade nicht mit der Zimmerdecke, sondern mit diesem Gott, der mich gemacht hat und der mich kennt und dem, was an mir liegt.

Ihr werdet mir das jetzt nicht glauben, und ich würde es auch keinem glauben, der mir sowas erzählen würde. Und jetzt gerade habe ich auch wieder eine Gänsehaut, während ich daran denke, während ich diese Worte aufschreibe. Genau in diesem Moment, als ich sagte, dass Gott jetzt kein Feuer mehr vom Himmel fallen lassen müsse … ist es passiert.

Es ist wirklich Feuer vom Himmel gefallen!

Genau in diesem Moment, als ich diesen Satz ausgesprochen habe, hat es draussen Feuer vom Himmel geregnet. Nein, das sah nicht einfach nur so aus. Ich schlafe hier oben unterm Dach, und genau vor meinem Fenster, vielleicht in 10 Metern Höhe, sind direkt vor meiner Scheibe Funken runtergeregnet. Dann hat es einen lauten Schlag gegeben und noch mehr Feuer ist vom Himmel gefallen.
Ich sass vor meinem Bett und war wie gelähmt. Ich wäre fast gestorben bei diesem Anblick, bei diesem unglaublichen Gefühl, dass Gott mich gerade ernsthaft erhört hat! Es war einfach nur unbeschreiblich.
Ich bin aufgestanden und zum Fenster gegangen. Ist das dein Ernst, Gott?! Genau jetzt, genau da, wo ich sage, dass es nicht mehr nötig ist, fällt dieses Feuer vom Himmel? Der Weg zum Fenster kam mir unendlich lang vor. Ist das gerade die Realität? Ist das gerade ernsthaft passiert? Bilde ich mir das gerade alles nur ein? Was passiert da bitte?
Die Antwort war ganz einfach: Irgendjemand hatte genau in dieser Sekunde genau vor unserem Haus eine von diesen Raketen gezündet, die regenartig ihre Feuerschlangen vom Himmel warf. Ich weiss bis heute nicht, wer das war und warum jemand das getan haben sollte. Ich hab sowas bis dahin nicht erlebt und auch danach nicht mehr. Dass jemand bei uns im alten Ortskern, in der ruhigsten Ecke, mitten im Jahr Raketen abfeuert. Genau vor meinem Fenster! Wenn jemand hier Feuerwerk abfackelt, dann sind normalerweise wir das und nicht unsere Nachbarn, erst recht nicht vor unserem Haus.

Ab jetzt war die Sache für ihn klar. Er liess sich taufen und hat angefangen, in seinen Youtube-Videos von seinem Glauben zu stehen. Schliesslich gehört Gott zum “Real Life”, ja war sogar noch realer als “The Real Life”.

Folge 14 von “Lesenswichtig”, einer Liste von christlichen Artikeln, die mich diese Woche bewegt haben.

Heute mit zwei Podcastfolgen. Ich wollte die heutige Folge schon “Losenswichtig” nennen, frei nach dem schweizerdeutschen Wort “lose” für hören - aber ich spare mir das für ein anderes Mal auf.

Gelten die alttestamentlichen Verheissungen des Wohlstands für Gottes Volk noch heute?

Randy Alcorn fragt sich, wieso im alten Testament Wohlstand ein Zeichen von Gottes Segen war und im Neuen Testament davor gewarnt wird. Ein paar Auszüge:

Jesus, der nicht einmal einen Ort hatte, wo er sein Haupt hinlegen konnte, und der nichts besass als ein Gewand und Sandalen (Matthäus 8,20), lebte eindeutig kein Leben, das auf Geld und Besitz ausgerichtet war. Sicherlich ist das auch nicht das, was Er für uns will.
Wie können wir also den scheinbaren Widerspruch zwischen den Worten und dem Lebensstil von Jesus und den Aposteln und den alttestamentlichen Wohlstandspassagen erklären?

Sind materieller Reichtum, Leistung, Ruhm, Sieg oder Erfolg zuverlässige Indikatoren für Gottes Belohnung oder Zustimmung? Wenn ja, dann ist Er ein böser Gott, denn die Geschichte ist voll von erfolgreichen Wahnsinnigen und wohlhabenden Despoten. War Gott auf der Seite von Hitler, Stalin, Mao und anderen wohlhabenden Schlächtern der Geschichte während ihres Aufstiegs zur Macht und auf dem Höhepunkt ihrer Regime, als sie von materiellem Reichtum umgeben waren? Ist Gott auch auf der Seite von reichen Sektierern, unehrlichen Geschäftsleuten und unmoralischen Entertainern? Wenn Reichtum ein verlässliches Zeichen für Gottes Zustimmung ist und Mangel an Reichtum seine Missbilligung zeigt, dann standen Jesus und Paulus auf Gottes schwarzer Liste, und Drogendealer und Veruntreuer sind sein Augapfel.

Warum diese Ungleichheit? Weil Gott entschlossen war, dass die Heiligen des Neuen Testaments verstehen sollten, dass ihre Heimat in einer anderen Welt ist. Kein Buch demonstriert besser die Beziehung zwischen Altem und Neuem Testament und die beiden Welten, auf die sie sich beziehen, als das Buch Hebräer. Vom Neuen Bund wird gesagt, dass er “auf bessere Verheissungen gegründet” ist als der Alte (Hebräer 8,6). Das Alte Testament ist Kopie, Modell und Schatten. Dementsprechend sollen die materiellen Segnungen, die den alttestamentlichen Heiligen versprochen wurden, uns an unsere zukünftigen himmlischen Segnungen erinnern - aber sie sollen sie niemals ersetzen. Der neue Bund bringt nicht das zeitliche Erbe, das Israel versprochen wurde, sondern ein ewiges Erbe (Hebräer 9,15).
Wir opfern keine Tiere mehr, denn das Lamm Gottes ist gekommen. Wir beten nicht mehr in einem Tempel an, weil wir selbst Tempel von Gottes Heiligem Geist sind. Wir gehen nicht mehr zu einem Priester, denn Christus ist unser Hohepriester, und wir selbst sind eine gläubige Priesterschaft. Wir schauen nicht mehr auf materiellen Reichtum, denn der geistliche Reichtum ist unser in Christus.

Der Effekt der Wohlstandstheologie ist es, den “Himmel auf Erden” zu fördern. Aber vor der Wiederkunft Christi kann es keinen Himmel auf Erden geben. Wenn die Erde zu unserem Himmel wird - wenn wir Gottes Segen als etwas Unmittelbares und Zeitliches sehen - verlieren wir aus den Augen, wer wir sind, warum wir hier sind und was uns jenseits des Horizonts dieser Welt erwartet.

Zum Artikel: Do the Old Testament Promises of Prosperity Apply to God’s People Today?

Wie kann ich so produktiv sein wie Russell Moore?

Russell Moore beantwortet folgende Frage eines Lesers:

Ich bin immer wieder erstaunt, wie produktiv du zu sein scheinst. Ich sehe die Ergebnisse deiner Arbeit in Form von Podcasts, Artikeln, Reviews, etc. Aber ich bin neugierig auf die Inputs. Wie schaffst du es, dich mit dem kulturellen Geschehen zu befassen und dabei für dich selbst zu sorgen, spirituell, physisch und emotional, mit deiner Familie präsent zu sein und das alles mit Freude zu tun, ohne auszubrennen?

Russells schickte Folgendes Voraus:

Die Arbeit, die ich in Bezug auf das Schreiben tue, ist die Art und Weise, wie ich das verarbeite, was ich denke oder fühle, und du wirst vielleicht sogar bemerken, dass … alle Bücher, die ich geschrieben habe, alle aus irgendeinem Thema in meinem Leben entstanden sind.

Er beantwortete nicht die Frage “wie schaffe ich es, produktiv zu sein”, sondern: “was hält mich ab, produktiv zu sein”. Seine Antworten sind sehr persönlich, doch in vielem sehe ich mich selbst und fühlte mich angesprochen. Seine Antworten gebe ich hier nur paraphrasiert wieder für die Details bitte seine Podcast-Folge hören.

Also: Was hält Russell Moore ab, produktiv zu sein?

  1. Warten auf Inspiration: Auf Inspiration warten funktioniert nicht. Deadlines sind aber gut (für Russell ist das sein Montag-Morgen-Newsletter). Die Inspiration kommt normalerweise erst, nachdem du angefangen hast zu schreiben.
  2. Perfektionismus: Was ihn davon abhält, überhaupt mit Schreiben anzufangen: Das Warten, bis das Konzept im Kopf ausgereift ist. Bis das Thema durchleuchtet ist. Seth Godin erklärt das gut: Das Wesen des Perfektionismus ist “sich zu verstecken”. «Perfektionismus ist kein hoher Anspruch. Was es ist, ist, dass es im Voraus jede mögliche Kritik an etwas beantworten muss. Und was [Seth Godin] sagt, ist, dass das unmöglich ist, aus vielen Gründen». Das Tolle am Schreiben findet in der Interaktion statt. Du verschickst das Werk und interagierst dann mit den Menschen, für die du es geschaffen hast.
  3. Adrenalin: Sorgen, Ängste oder Stress können dich vom Kreativen, Intellektuellen oder Fantasievollen in das limbische System treiben. In dieser Situation kann es sein, dass du dir zu viel Druck auferlegst. Du musst in einer Art spielerischen Geisteshaltung sein. Und das kann nur geschehen, wenn du nicht unter Druck stehst.
  4. Unterbrechungen. Wenn du in einem Gedankenfluss bist und du Unterbrechungen hast, passieren zwei Dinge: Deine Fähigkeit, etwas zu erledigen, wird unterbrochen, und du wirst genervt.
  5. Isolationen: Du weisst oft nicht, was du über etwas fühlst oder denkst, bis du es sagst. Gespräche beflügeln die Kreativität. Russell erzählt von einer Zusammenkunft, aus der er mit Ideen herauskam, die Stoff für ein Monatsprojekt waren, einfach wegen der Dinge, über die er in Gesprächen angeregt wurde.
  6. Angeberei: Auf Englisch gibt es das “Impostor Syndrome”, auf Deutsch gibt es keine gute Übersetzung dafür. Fast jeder, den Russell gekannt hat, der kein Impostor war, hatte ein Imposter Syndrome. Er hat einige Leute gekannt, die immer das Gefühl hatten, dass sie mehr als kompetent für alles waren, was sie taten. Das waren die Leute, die tatsächlich Impostors waren. Er erzählt dann eine [Geschichte über Neil Gaimans Impostorsyndrom] (https://journal.neilgaiman.com/2017/05/the-neil-story-with-additional-footnote.html).
  7. Überlastung: Die Produktivität neigt dazu zu leiden, wenn du zu viele Verpflichtungen hast, die nicht im primären Bereich deiner Begabung liegen. Der Input, den du in deinem Leben durch Artikel, Podcasts, etc. hast, wird nur dann produktiv, wenn du Zeit hast, ihn zu verarbeiten und zu verdauen. Ich muss in unstrukturierter Zeit arbeiten, z.B. spazieren gehen, trainieren, etc. Für Russell sind es Zeiten im Auto, die ihn zum Nachdenken anregen.

Zum Artikel: Question & Ethics: How am I so productive?

Wie sollten wir auf christliche Verschwörungstheorien reagieren?

John Piper beantwortet folgende Frage einer Leserin:

Ich habe einen Freund, der überzeugt ist, dass die neuen COVID-19-Impfstoffe “das Zeichen des Tieres” sind. Jeder, der geimpft wird, wird dem Satan übergeben und ist damit für immer verloren, nach der Offenbarung. Dies überzeugt mich überhaupt nicht. Aber wie würden Sie auf Christen reagieren, die zu dieser Art von geistlichen Verschwörungstheorien ergeben sind?

Ein paar Auszüge aus Pipers Antwort:

Was ich im Laufe der Jahre gesehen habe, ist, dass es eine bestimmte Art von Persönlichkeit - wir könnten auch es eine bestimmte Art von geistlichem Zustand nennen - die unfähig zu sein scheint, sich zutiefst auf die grossen, zentralen, herrlichen Realitäten des christlichen Glaubens einzulassen. … Sie stehen immer am Seitenrand.

Nun, ich würde sagen, das ist eine geistliche Krankheit, und unsere Reaktion darauf sollte meiner Meinung nach darin bestehen, dass wir persönlich, in der Beziehung und im Gebet ständig unser Bestes tun, um die Aufmerksamkeit dieser Person auf die grossen zentralen Realitäten des christlichen Glaubens zu lenken, die das Herzstück dessen sind, was Gott in Jesus Christus tut.

Hier ist also ein Bild, das es vielleicht erfasst. Die richtige Ordnung unserer Gedanken über die Realität kommt von einer richtigen Sichtweise, einer richtigen Wertschätzung von Gott und Christus und der Erlösung im Zentrum all unserer anderen Gedanken. Das Bild ist wie ein Sonnensystem. Die Sonne steht im Zentrum des Sonnensystems, und wenn die Sonne im Mittelpunkt steht, kreisen die Planeten alle sicher und schön an ihrem richtigen Platz. Das ist ein Bild von Gott im Zentrum, und alle unsere Gedanken nehmen ihren rechtmässigen Platz ein.

Aber was passiert, wenn die Sonne verschoben wird und der Planet Mars das Zentrum wird? Was passiert, ist, dass, wenn Sie versuchen, die Bahnen der Planeten zu zeichnen, wenn Sie versuchen, die anderen Realitäten in Ihrem Leben zu verstehen, wenn Gott durch Mars als Zentrum ersetzt wurde, die Dinge erschreckend chaotisch aussehen; sie sind nicht mehr in Ordnung, und sicherlich wird Merkur in und die Erde kollidieren. So ist es. Sehen Sie sich nur diese Umlaufbahn an.

Denn von ihrem Standpunkt aus, mit dem Mars an der Stelle der Sonne, ist es. “Sehen Sie nur: Da ist es. Ich habe es auf Papier gezeichnet. Es wird geschehen.”
Unser ganzes Bemühen, so scheint mir, muss darin bestehen, durch Gebet und Lehre zu versuchen, ein gottzentriertes Universum des Denkens in ihrem Geist und ein gottzentriertes Sonnensystem wohlgeordneter Zuneigung zu Gott und seinen zentralen biblischen Realitäten wiederzuerwecken.

Zum Artikel: How Should We Respond to Christian Conspiracy Theories?

Philipp Mickenbecker und sein Zwillingsbruder Johannes haben lieber in der Natur Experimente gemacht als in der Schule gesessen. Dabei sind sie des Öfteren mit Regeln in Konflikt gekommen. Hier ein Text von Johannes darüber, wie er während seiner Kindheit die Regeln als einengend empfand.

Mittlerweile sind sie etwas gemässigter geworden (als sie mit dem U-Boot beim McDonalds aufkreuzten, haben sie vorher die Polizei um Erlaubnis gefragt).

Obwohl ich nicht ganz einverstanden bin, wie sie sich auf eine überhebliche Art über die Regeln hinwegsetzen, mag ich den jugendlichen Idealismus, dem ich hier begegne.


Dies ist ein Zitat aus dem Buch “Meine Real Life Story: Und die Sache mit Gott”, zu dem ich hier eine Zusammenfassung/Rezension geschrieben habe.


Auf eigene Gefahr - Warum wir uns nicht an die Regeln halten

Ich steh hier am See, doch das idyllische Bild
wird gestört von einem ziemlich aufdringlichen Schild
doch dabei soll’s nicht bleiben
Hier steht ein ganzer Schilderwald
es sind neue und alte
die mir vorschreiben
wie ich mich hier verhalte
Ich darf hier nicht schwimmen, nicht Bootfahren und Tauchen erst recht
und Grillen und Lagern wär hier ebenfalls schlecht
ich darf nicht angeln, nicht radfahren, nichts füttern und nicht zelten,
doch dabei frag ich mich, für wen die Regeln gelten
denn darüber steht doch “Erholungsgebiet”?

Und eben hätte ich fast übersehen
im Winter darf keiner auf die Eisfläche gehen
ach, und der Steg dort vorne ist ebenfalls tabu
ganz ehrlich, ich lern gerade wirklich dazu
und wenn wir uns jetzt schon genau damit befassen
dann darf ich noch nicht mal den Weg hier verlassen
Ja, wär das nur hier so, wär das alles halb so wild
Doch es bietet sich mir ein ganz ähnliches Bild
egal, wo ich bin, in jedem Bereich
in der Stadt ganz genauso wie an diesem schönen Teich
Das Ausmaß der Regeln, es sprengt meine Liste
Man sperrt uns ein in eine Rattenkiste
Man tauscht unsere Freiheit für Sicherheit ein
und meint, so würden wir glücklicher sein

Stimmt, wir sind in Deutschland, und hier gibt’s halt Gesetze
Deswegen tu ich lieber gar nichts, bevor ich eins verletze
Aber dann frag ich mich, warum das da steht
und was man dabei kaputt macht, wenn man ins Wasser geht
Na klar gibt es manche, die es übertreiben
ihre Grenzen nicht kennen, nicht im Rahmen bleiben
Woher soll man auch wissen, wann das Eis bricht
denn das ganze Leben
darf man es nicht betreten

Und vielleicht könnte einer den Schock nicht verkraften
und dann muss am Ende jemand anders dafür haften
doch der ist dazu ganz sicher nicht gewillt
und deshalb steht hier dieses dämliche Schild
Dazu muss ich sagen, ich bade hier immer
ich weiß nicht, wie oft ich hier Eislaufen war
und ich hatte bisher nicht den blassesten Schimmer
von der lauernden Lebensgefahr

Oder doch, bin ich ganz ehrlich:
Vieles ist gefährlich
wenn ich nicht weiß, was ich tu
Doch ich trau mir das zu
und nein, das ist nicht arrogant
denn ich glaub, das gilt für jeden
der bereit ist, für sich selber zu denken
anstatt über die Fehler von anderen zu reden
Wer nichts macht, macht auch nichts falsch
und davor will man uns bewahren
Deshalb schützen uns die Regeln vor den tausend Gefahren
Mir scheint, wir sind Idioten
gesteuert von Verboten
die nicht mehr selber denken
weil andere sie lenken
und Gesetze sie beschränken
Gefahr ist hier gewerbescheinpflichtig

Doch das Leben ist riskant
und ich glaub, das ist so richtig
Denn das macht es interessant
und aus Fehlern kann man lernen
kann den Horizont erweitern
denn Scheitern
ist vielleicht nicht immer nötig
aber meistens auch nicht tödlich
Und ja, ich bin mir sicher,
dass man keinem schadet
Und auch nichts zerstört,
wenn man am Steinbruch badet
Auch wenn er uns nicht gehört

Denn sonst bleibt es dabei, dass wir davon lesen
Was die Menschen früher machten,
als sie noch selber dachten
und als sie noch frei gewesen
und dass wir Filme schauen von irgendwelchen anderen
die das tun, was wir wollen
nur dass wir uns das nicht trauen
oder viel eher: es nicht sollen

Wir alle leben auf eigene Gefahr
Das braucht ihr dort nicht hinzuschreiben
Das ist doch völlig klar
Deshalb werd ich vernünftig bleiben
Und verantwortungsvoll handeln
Auch ohne dass Schilder unsere Landschaft verschandeln.

Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen,
der wird am Ende beides verlieren
~ Benjamin Franklin

Philipp Mickenbeckers Kritik an der Schule und seine romantisch wirkenden Erinnerungen an sein eigenes Lernen im Homeschooling, in der Natur und beim Experimentieren scheinen etwas extrem. Und doch trafen sie bei mir einen Nerv.

Ich bin Informatiker, und als ich zur Schule ging, gab es noch keine Programmierkurse. Ich habe mir das Programmieren selbst beigebracht durchs Lesen von anderen Programmen, Kaufen von Programmierbüchern und gemeinsames Ausprobieren mit Freunden. Daher kann ich Mickenbeckers Ode an selbstmotiviertes, freies, kreatives Lernen sehr unterstreichen. Obwohl ich denke, dass es nicht auf alle Lernbereiche anwendbar ist.


Dies ist ein Zitat aus dem Buch “Meine Real Life Story: Und die Sache mit Gott”, zu dem ich hier eine Zusammenfassung/Rezension geschrieben habe.


Wir haben bis zur vierten Klasse Heimschule gemacht. Bei uns zu Hause, auf einem kleinen ehemaligen Bauernhof. … [Da hatten wir eine] große Werkstatt! Eine alte Scheune, in der unser Vater alles hatte, was man zum Basteln brauchte. Schon von klein auf haben wir ihm zugeschaut und mitgeholfen, gemeinsam an Fahrrädern geschraubt oder Sachen repariert … Damals wurden wohl die Anfänge unserer Selbstbauleidenschaft gelegt. Das machte einfach viel mehr Spaß, als auf der Spielekonsole zu zocken.

Die ersten vier Jahre unserer Schulzeit mussten wir überhaupt nicht zur Schule gehen, sondern wurden von unserer Mutter zu Hause unterrichtet. … In vielen Ländern ist „Homeschooling“ inzwischen ein gängiges Konzept, nur in Deutschland wird das einfach nicht akzeptiert, obwohl man uns jederzeit auf unseren Leistungsstand hätte überprüfen können, der vermutlich besser war als bei den meisten „normalen“ Schülern. In der vierten Klasse haben wir schon mit x und y gerechnet – und das, obwohl wir nur drei oder vier Stunden am Tag Unterricht hatten. Den Rest des Tages konnten wir mit Freunden im “Real Life” verbringen. … Ab der vierten Klasse sind wir dann auf eine „christliche“ Schule gegangen. Der Staat hat uns beziehungsweise unsere Eltern dazu gezwungen.

Eingeführt wurde die Schulpflicht ja eigentlich mal, um ein gewisses Bildungsniveau für alle sicherzustellen. Schöner Gedanke, aber tatsächlich habe ich manchmal das Gefühl, dass es eher darum geht, Kinder zu beschäftigen und mit sinnlosem Wissen vollzustopfen, als sie zum selbstständigen Denken und zur Bildung einer eigenen Meinung anzuregen. … Ich sehe diesen hässlichen grauen Bau immer noch vor mir. … Hier gab es keine Werkstatt, keinen Wald, keinen Raum für Kreativität, keine Freiheit. Stattdessen hunderttausend sinnlose Regeln, die das ohnehin schon langweilige Schülerdasein so eintönig gemacht haben, dass wir uns vorkamen wie im Knast.

Ich konnte nie verstehen, warum wir die Einzigen waren, die dieses System gehasst haben, aber wahrscheinlich konnten nur wir das so sehen, weil wir das Leben ohne Schule kannten. Ohne diesen Zwang, jeden Morgen stundenlang im Klassenzimmer zu sitzen und sich den Unterricht anhören zu müssen, egal, ob man es schon längst verstanden hatte oder nicht. Wahrscheinlich ging es den anderen wie Hühnern, die in ihren Legebatterien groß geworden waren und das Leben da draußen gar nicht kannten. Die nicht wussten, wie viel Freude es macht, kreativ zu sein, zu versuchen, das Unmögliche zu schaffen und selbst neue Lösungswege zu entdecken, anstatt die Lösungswege auswendig zu lernen, die jemand anders entwickelt hat.

Früher hatten wir einfach aus Interesse gelernt. Ich weiß noch, wie unsere Mutter uns das Dividieren beigebracht hatte. Eigentlich hätten wir noch mit ganz kleinen Zahlen rechnen sollen, aber damals hatte uns der Wissensdrang gepackt. Voller Neugier hatten wir weiter gefragt und gelernt, wie man große Zahlen teilen konnte. Für uns war dieses neue Wissen so interessant, dass wir abends den Taschenrechner mit ins Bett schmuggelten. Dann dachten wir uns beliebige Zahlen aus und fingen an, fünf- oder sechsstellige durch dreistellige Zahlen im Kopf zu teilen. Wenn wir das Ergebnis hatten, rechneten wir es mit dem Taschenrechner nach. Das machte einfach Spaß, wir freuten uns auf den Unterricht, wir lernten nie für Noten, nein, denn bei uns gab es überhaupt keine.

In der Schule lernte niemand aus Interesse. Hier lernte man für die Noten im Zeugnis. Man versuchte, seinem Gehirn durch endlose Wiederholungen vorzutäuschen, dass etwas wichtig sei, bis man es endlich wusste. Das Schlimmste war, sich nach einem siebenstündigen Unterrichtstag zu fragen, was man an diesem Tag tatsächlich gelernt hatte. Das war meist wenig. Und wenn man sich dann noch fragte, was man für sein Leben gelernt hatte, blieb so gut wie gar nichts übrig. Das hätte man auch in einer Stunde zu Hause lernen können.

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