Lesenswichtig, 9. Mai

Folge 16 von “Lesenswichtig”, einer Liste von christlichen Artikeln, die mich diese Woche bewegt haben.

Wenn gute Beziehungen schlecht sind: Mutter und Tochter

Ruth Metzger schreibt ungewohnt salopp. Doch das hat seine Gründe. Der Text, den sie beschreibt, ist selbst unbeschönigt. Es geht um die Umstände der Enthauptung Johannes des Täufers: Eine toxische Mutter-Tochter-Beziehung. Ein Ausschnitt:

Wahrscheinlich hatte sie viele Wünsche, aber sie ist eine richtig gute Tochter. So verlässt sie den Raum mit der angeheiterten Männergesellschaft und geht zu ihrer Mutter, um die um Rat zu fragen. Denn Mama und sie, sie haben Ziele im Leben, und Mama hat die nötige Erfahrung, was man braucht, um vorwärtszukommen. Und ja, Mama weiss schon was. Es gibt da so einen frommen Störenfried, der immer darauf herumhacken muss, dass ihre Beziehung zu Herodes auf Ehebruch beruht. Und das Schlimme ist, ihr Mann mag den Kerl irgendwie leiden. Er ist beeindruckt, wenn auch nicht genug, um Konsequenzen zu ziehen – obwohl er in anderen Belangen sogar manchmal auf ihn hört. Er hat diesen unverschämten Propheten zwar ins Gefängnis gesteckt, aber er lässt ihn immer mal wieder rufen, um sich mit ihm zu unterhalten. Dieser bigotte Mahner mit seinen religiösen Moralvorstellungen muss weg, sonst kriegt er Herodes am Ende noch rum.

Zum Artikel: Wenn gute Beziehungen schlecht sind: Mutter und Tochter

Darwins Einfluss auf den Nationalsozialismus

Creation.com hat einen spannenden Artikel darüber, wie Darwins Evolutionstheorie in der “Endlösung” des Naziregimes zum Ausdruck kommt. Anfangs schien die Theorie noch harmlos:

Charles Darwin und seine Anhänger haben gezeigt, wie sich alles Leben auf dem Planeten aus einer einzigen Quelle entwickelt hat. Der Mechanismus, den sie Evolution durch natürliche Auslese nennen, bedeutet Konkurrenz, Aussterben und das Entstehen neuer Lebensformen, ohne dass ein Regisseur oder Dirigent nötig ist.

Die Gedanken von Darwin passten gut zur Devise “Zurück zur Natur”, die in der Romantik sehr populär war:

[Darwin] hat uns zur Natur zurückgebracht, zu ihrem Wunder, zu ihrer Herrlichkeit und zu ihrer Gefahr. Charles Darwins Evolutionstheorie stellt fast alles infrage, was wir über uns selbst zu wissen glaubten: Woher wir kommen, warum wir uns so verhalten, wie wir es tun, die Ursprünge unserer Moral.

Dann fing die Evolutionslehre damit an, schlechte Früchte hervorzubringen:

Im Jahr 1915 hatte der amerikanische Pazifist und Entomologe Vernon Kellogg Anlass, mit Mitgliedern des deutschen Oberkommandos zu speisen.

Kellogg war entsetzt über das, was er hörte. ‘Das Glaubensbekenntnis der natürlichen Auslese, basierend auf gewalttätigem, konkurrenzbetontem, tödlichem Kampf, ist das Evangelium der deutschen Intellektuellen’, schrieb Kellogg. … Kellogg war schockiert von dieser grotesken darwinistischen Motivation für die deutsche Kriegsmaschine.

Weiter:

Herbert Spencer, ein Verfechter rücksichtsloser, extremer Geschäftstaktiken, prägte den heute berühmten Begriff “survival of the fittest”, um die natürliche Auslese zu beschreiben. “Spencer war der erste, der Darwins Theorie in ein politisches Manifest verwandelte … geh mit [dem Kampf des Lebens], widersetze dich ihm nicht; belohne die Starken und beseitige die Schwachen. Aber er gab Darwins Theorie einen irreführenden Dreh. Darwin schlug vor, dass die Natur die am besten angepassten Individuen begünstigt, nicht unbedingt die stärksten.

Daraus entstand die Eugenik…

Es gibt auch einen informativen Überblick über die Geschichte der Eugenik, beginnend mit ihrem Ideengeber (und Darwins Cousin) Francis Galton, der davon besessen war, die Darwinsche Selektion zu nutzen, um die menschliche Rasse zu verbessern

…die durch Heinrich Himmler im totalen Desaster endete:

Darwins Theorie verlieh dem Kampf um ‘rassische Reinheit’, der für die NS-Philosophie zentral war, den Anschein wissenschaftlicher Seriosität. … Im Jahr 1935 führte Heinrich Himmler, der Führer der SS, ein eugenisches Zuchtprogramm ein, um die arische Rasse zu stärken. Deutsche Offiziere wurden ermutigt, Kinder mit nordischen oder arischen Müttern zu zeugen.

Später begann die Gestapo, Menschen “unreiner Rasse” zusammenzutreiben. Rund 250’000 dieser Männer, Frauen und Kinder schickten die Nazis von 1939 bis 1945 in die Gaskammern, die unter dem Codenamen “Operation T4” liefen.
‘Survival of the fittest’ wurde übersetzt als ‘Mord an den Schwächsten’

Ist es nicht verwunderlich: In der heutigen Zeit der “Social Justice”, wo es darum geht, sozial benachteiligte Gruppen, unterdrückten Rassen, den übervorteilten Frauen, mehr Rechte zu geben, wird gleichzeitig argumentiert, dass das Christentum dabei ein schlechter Einfluss wäre! Das Christentum, das verkündet, man solle nicht auf das eigene Wohl schauen, sondern das des anderen? Das Christentum, das die Kinder zu Jesus kommen lässt? Das Christentum, dessen Begründer uns zu den Menschen im Gefängnis schickt und sagt “was ihr einem dieser geringsten getan habt, das habt ihr mir getan”? Mir will nicht in den Kopf, wie Menschen einerseits die Schwächeren der Welt schützen wollen und gleichzeitig das Christentum verdrängen.

Zum Artikel: The BBC TV series Darwin’s Dangerous Idea

Sophie Scholls Ringen mit Gott

Heute wäre Sophie Scholl hundert Jahre alt geworden. Zum Jubiläum brachte der ERF Auszüge aus dem Buch Einer muss doch anfangen!: Das Leben der Sophie Scholl.

Mir war nicht bekannt, dass Sophie Scholls Handeln christlich motiviert war. Ihr Glaube an Gott scheint nicht nur ein Nebenschauplatz zu sein. Ganz im Gegenteil, ihr Ringen mit Gott brachte sie dazu, ihr Leben hinzugeben für ihre Freunde. Ein Auszug:

Bisweilen aber brauchte sie einfach die Stille, um zu sich zu kommen und zu Gott. Er schien ihr oft so unendlich weit fern. Wie konnte sie zu ihm kommen, konnte sie vor ihn treten? »Ich würde so gerne an Wunder glauben. Ich würde so gern glauben, dass ich durch das Gebet Kraft bekomme. Allein kann ich nichts.« Für einen Moment kniete sie, als evangelische Christin war das für sie ungewohnt, und sie schämte sich… Vielleicht war es auch falsche Scham. Könnte sie den Weg zu Gott erzwingen durch die Sehnsucht oder die Hingabe ihrer Seele? Sie spürte: »Es gehören viele Schritte, viel allerwinzigste Schritte dazu, und es ist ein sehr langer Weg.« – »O, es war doch im Grunde ein Wollen zu Gott.«

Als einzigen Weg sah sie das Gebet, aber ihr zerfielen die Worte. Sie musste um das »Betenkönnen« beten. Es ist die Bitte, die einer der Jünger an Jesus richtete: »Herr, lehre uns beten.« Er ist der einzige »Mensch, der es fertiggebracht« hat, »ganz gerade den Weg zu Gott zu gehen.« Gegen die Gottesferne helfe »nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat, und wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle.«
In ihrem Ringen mit Gott und ihrer Unruhe begegnete ihr ein Ausspruch des Kirchenvaters Augustin: »Zu dir hin, o Gott, hast du uns erschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.« Sie fand diese Stelle in den Bekenntnissen des Theologen, dessen Texte sie jeden Tag stückweise las.

Auszug aus ihrem Tagebuch:

Mein Gott, ich kann nichts anderes als stammeln zu Dir. Nichts anderes kann ich, als Dir mein Herz hinhalten, dass tausend Wünsche von Dir wegziehen. Da ich so schwach bin, dass ich freiwillig nicht Dir zugekehrt bleiben kann, so zerstöre mir, was mich von Dir wendet, und reiss mich mit Gewalt zu Dir. Denn ich weiss es, dass ich nur bei Dir glücklich bin, ach, wieweit bin ich weg von Dir, und das beste an mir ist noch der Schmerz, den ich darüber empfinde. Doch ich bin so tot und stumpf oft. Hilf mir, einfältig werden, bleibe bei mir, o, wenn ich einmal Vater sagen könnte zu Dir. Doch kann ich Dich kaum mit »DU« anreden. Ich tue es, in ein grosses Unbekanntes hinein, ich weiss ja, dass Du mich annehmen willst, wenn ich aufrichtig bin, und mich hören wirst, wenn ich mich an Dich klammere. Lehre mich beten. Lieber unerträglichen Schmerz als ein empfindungsloses Dahinleben. Lieber brennenden Durst, lieber will ich um Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen beten, als eine Leere zu fühlen, eine Leere, und sie zu fühlen ohne eigentliches Gefühl. Ich möchte mich aufbäumen dagegen.

Ihr Weigern, sich der Leere hinzugeben. Ihre Bereitschaft zum Leiden. Das war es, wieso sie danach mit der “Weissen Rose” Flugblätter verteilte. Sie wusste genau, in welche Gefahr sie sich brachte. Doch sie konnte nicht zusehen, wie das Gedankengut der Nationalsozialisten von der politischen Elite ungefragt aufgenommen und unterstützt wurde.

Sophie Scholl wurde zum Tode verurteilt. Auf dem Weg zu der Hinrichtung sprach sie mit ihrer Mutter. (wundersames Gegenstück zu der im ersten Artikel angetönten toxischen Mutter-Tochter-Beziehung!)

»Nun wirst du also gar nie mehr zur Türe hineinkommen«, sagte die Mutter. »Ach die paar Jährchen, Mutter«, gab Sophie zur Antwort. Dann betonte sie wie Hans, fest und überzeugt, gerade zu triumphierend: »Wir haben alles, alles auf uns genommen.« Und sie fügte hinzu: »Das wird Wellen schlagen.« Dann erinnerte sie die Mutter: »Gelt, Sophie: Jesus.« Und sie antwortete ihr ernst und fest: »Ja, aber du auch.« Dann verliess auch Sophie den Raum und die Mutter sah ihr nach.

Zur Sendung: Lesezeichen XXL: Einer muss doch anfangen! Das Leben der Sophie Scholl

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