Chesterton

Chestertons 'Orthodoxie' als Bilderbuch

Beim Lesen von Orthodoxie ist mir aufgefallen, wie bildhaft Chestertons Sprache ist. Es kam mir so vor, als wollte er eigentlich ein Bilderbuch schaffen, doch dann fehlte ihm die Musse, dies auszuführen.

Ich suchte also die griffigsten Zitate raus, suchte passende Bilder dazu und versah die Zitate mit Erklärungen (da einige Zitate ohne Zusammenhang nicht ganz verständlich sind). Ursprünglich sind diese (und weitere 14) Bilder auf einer Facebook-Page erschienen, doch da kamen sie nicht richtig zur Geltung, darum habe ich sie alle in ein quadratisches Format gebracht und hier nochmals publiziert:

Chestertons Orthodoxie als Bilderbuch

Update: Hier gibt's das Bilderbuch auch als PDF.

Charles Darwin über die Krux des analytischen Denkens

Charles Darwin

Charles Darwin

Als Naturwissenschaftler hat mich folgendes Zitat von Charles Darwin angesprochen:

Bis zum Alter von 30 Jahren hatte ich grosse Freude an Poesie jeder Art, sogar als Schuljunge hatte ich Freude an Shakespeare. Früher gaben mir Bilder, und speziell Musik, grosses Vergnügen. Aber jetzt, seit Jahren, kann ich keine Zeile Poesie mehr ertragen: Ich habe versucht Shakespeare zu lesen, und ich empfand es so unerträglich öde, dass es mich anekelte. Ich habe auch beinahe alle Empfindungen für Bilder und Musik verloren. Ich erfreue mich mässig über grossartige Landschaften, aber es entsteht in mir nicht dieses herrliche Vergnügen, wie es früher war.

Mein Geist scheint sich in eine Art Maschine verwandelt zu haben, welche eine grosse Sammlung von Fakten in allgemeingültige Gesetze vermahlt. Doch ich verstehe nicht, wieso sich der Teil des Gehirns zurückgebildet hat, der diese gewaltigen Empfindungen hervorbringt.

Der Verlust dieser Empfindungen ist ein Verlust an Freude und wird vermutlich meinem Intellekt schaden, und noch wahrscheinlicher meinem moralischen Charakter, indem es den emotionalen Teil unserer Natur schwächt.

Aus: Autobiografie von Darwin, die er für seine Kinder schrieb, gefunden und übersetzt aus "John Piper: When I don't desire God"

Auch ich bin dieser Gefahr ausgesetzt. Auch ich merke, dass es mir schwerfällt nach einem Tag analytischen Denkens mich auf die Schönheiten des Lebens: das Fahrradfahren durch die Natur, die fröhlichen Kinder, das feine Essen einzulassen.

Die Lösung ist aber nicht "weniger denken, mehr leben" sein, sondern die "Analyse von Gott" - die Welt durch Gottes Augen anschauen. Und Gott hat Freude an der Natur; dazu ein lustiges Zitat von Chesterton:

Es ist möglich, dass Gott jeden Morgen zur Sonne sagt: "Mach es nochmals", und jeden Abend zum Mond: "Mach es nochmals". Es muss nicht sein, dass alle Gänseblümchen gleich sind, aber nie wurde er müde sie nochmals zu machen. Es mag doch sein, dass er eine ewige Lust hat an der Kindheit; denn wir haben gesündigt und sind alt geworden, und unser Vater ist jünger als wir.

Aus: Chesterton: Orthodoxie, gefunden und übersetzt aus "John Piper: When I don't desire God"

G.K. Chesterton: 5 philosophische Kunststücke aus »Ketzer«

Chesterton: Ketzer – ein Aufruf zum scharfsinnigen Denken

Chesterton: Ketzer – ein Aufruf zum scharfsinnigen Denken

G.K. Chesterton (1874 – 1936) war ein Phänomen. Ich habe noch niemanden gelesen, der so konsequent jeden Gedanken umdreht: Mit einer Leichtigkeit ergreift er Behauptungen, welche eigentlich jeder richtig findet, wendet sie vor und zurück und, was vorher mir vorher logisch erschien, erscheint plötzlich völlig absurd! Und dabei schreibt Chesterton witzig, schlicht und niemals ironisch.

Chesterton war als Jugendlicher Agnostiker, ist dann zum Christentum konvertiert und trat am Schluss seines Lebens der katholischen Kirche bei. Er war wohl ziemlich einseitig begabt. Einige Male hat er auf Reisen seiner Frau telegrafiert mit der Frage, wo er nun eigentlich hinsollte (sie hat dann jeweils geschrieben: "Home!"). Er war ein Denker, ein Tagträumer. Solche Menschen finde ich sympathisch, vielleicht, da mir mein Englischlehrer das Gleiche vorwarf. "Philipp, are you with us?" hat er gefragt, wenn ich mal wieder einem Gedanken nachjagte.

Das Buch "Ketzer: Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit" war nun das erste Buch, das ich von ihm las (auf Empfehlung von Hanniel). Ich denke, es wird nicht das Letzte sein. Denn Chesterton greift Denkfehler an, welche sich langsam in die Gesellschaft einschlichen. Was mich eigentlich überraschte: Neun Kapitel widmete er zeitgenössischen Schriftstellern und ihren Denkfehlern. Die Schreiber sind heute allesamt nicht mehr bekannt (jedenfalls mir nicht), aber ihre Denke hat hundert Jahre überlebt - in einigen Fällen haben sie sich sogar noch ausgeweitet und sich zu regelrechten Monstern entwickelt.

Ich habe fünf seiner philosophischen Kunststückchen herausgerissen und gebe ein paar einprägsame Zitate wieder - ich hoffe, dass dem einen oder anderen Leser der Reichtum seiner Gedanken erschließt.